Aussergewöhnlich

Als ich klein war, glaubte ich, dass viel zu wissen helfen würde. Viel zu lesen, so meinte ich, sei eo ipso gut. Noch während meines Studiums verfertigte ich Listen von Büchern, die ich unbedingt lesen musste. Die Tatsache, dass ein Leben dazu nicht ausreichen würde, skandalisierte mich, doch liess ich mich nicht abhalten, wenigstens das Mögliche zu versuchen. Und so las ich denn mit Hingabe und Begeisterung, mit Horror und Glückseligkeit. Jeden Tag ein Buch. Was für ein Irrwitz! Ich hatte nicht bedacht, dass niemand da sein würde, es mit mir zu teilen. Auch Du hast mich nicht gewarnt. Natürlich. Viel zu lesen, zu wissen oder zu verstehen, scharf zu sehen oder sehr genau zu hören, entfernt uns von den anderen. Sie verstehen nicht, wovon wir reden.

Das Aussergewöhnliche erscheint uns als Geschenk. Kindern gleich lassen wir uns übertölpeln. Nehmen es stolz und dankbar entgegen. Tatsächlich aber bezahlen wir es teuer. Mit Sprachlosigkeit. Mit Schweigen. Also letztlich mit unserer Einsamkeit. Vielleicht liegt der Schlüssel zum Glück in der Beschränktheit.

Gott muss sehr einsam sein. Und sehr traurig.

9 comments

  1. Epipur

    Was bringt Wissen überhaupt?

    ***

    Der Unterschied zwischen Wissen und Nichtwissen ist sehr klein, denn das Wissen hat keinen direkten Einfluss auf das Geschehen.

    ***

    Wissen, was passiert ändert nichts daran, was passiert.

    **

    Die Tragödie des Wissens steckt in der Machtlosigkeit.

    ***

    Ohne Wissen kann man gar nichts tun. Sobald man etwas weiss, KÖNNTE man etwas tun.

    ***

    Wissen impliziert immer Verantwortlichkeit, obwohl Wissen gerade nichts daran ändert an dem was passiert.

    ***

    Was bringt uns Wissen überhaupt?

    • Filifjonka

      Heute entdeckt, ein Gedicht von Bert Brecht:

      Bei der Geburt eines Sohnes

      Familien, wenn ihnen ein Kind geboren ist
      Wünschen es sich intelligent.
      Ich, der durch Intelligenz
      Mein ganzes Leben ruiniert habe
      Kann nur hoffen, mein Sohn
      Möge sich erweisen als
      Unwissend und denkfaul.
      Dann wird er ein ruhiges Leben haben
      Als Minister im Kabinett.

  2. Filifjonka

    So ist es, Teufel auch.

    Wissen bringt Schmerz, die Vertreibung aus dem Paradies. Wissen lässt uns schuldig werden wir. Wir werden dadurch zu Mittätern. Wissen lässt unsere Ohnmacht offenbar werden. Wissen ist ein Fluch, Kassandra ihr Sinnbild.

    Nicht zu wissen, nicht zu fühlen, nicht mitzufühlen wäre deutlich besser. Aber es ist wie mit dem Nicht-Geboren-Sein als bester Option. Sie steht nur denen zur Verfügung, die sie nicht benötigen.
    Das ist wohl auch der tiefere Grund unserer Affinität zu Rausch und Betäubung, die uns wenigstens zeitweise Erlösung bieten.

  3. Rabenschwarz

    Was wissen wir denn? Sind wir überhaupt sicher, dass all das Wissen, das wir uns in all den Stunden des Lesens, im Museum, im Konzert angeeignet haben, überhaupt das “Richtige” ist?

    Dieses Wissen bringt Schmerz, macht uns sprach- und machtlos, macht uns einsam, genau wie Du sagst. Wie könnte es uns auch glücklich machen, wenn wir es aus dieser schmerzerfüllten Welt ziehen? Dieses Wissen macht uns so einsam, weil wir uns im Kreis drehen. Wir gewinnen wieder nicht gegen den Schmerz, ganz genau.

    Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich Herrn Brechts Zeilen zustimme. Sollen unsere Kinder denn wirklich besser nicht verstehen, was für eine Welt das ist? Sollen sie zu Verwaltern werden und diese Welt lächelnd hinnehmen?

    Und Gott in seinem Elfenbeinturm – ist es einsam dort? Vielleicht finden wir nur das Eingangsportal nicht: Eine Möglichkeit den Schmerz zu überwinden.

    Ich stimme Dir zu, eigentlich euch beiden. Dieses Wissen! Es nützt nichts.

  4. Erg Onduidelijk

    Wird das jetzt nicht langsam ein gar heisses Bad in den eigenen Tränen? Eines obendrein, das wir uns mit einem Übermass an Abstraktion einlassen?

    Sicherlich trifft Filifjolkas Beobachtung zu, dass mehr Wissen nicht glücklicher, erfüllter etc. macht, das es mit Wissen ähnlich ist wie mit anderen Dingen: Ein XXL-Schnitzel ist nicht zwingend leckerer, wer vögelt bis der Schwanz glüht hat nicht zwingend ein erfüllteres Liebesleben etc. etc. Warum sollte es mit dem Sammeln von Erkenntnissen so grundlegend anders sein?

    Sicherlich ist es auch so, dass Wissen uns die Unbefangenheit nimmt und uns und unser Erleben insofern wegrückt von denen, die nicht hinterfragen.

    Doch macht uns das einsam? Das sind wir doch ohnehin bereits. Das Wissen an sich ändert doch daran nichts. Möglicherweise macht es uns erkennen, dass und wie einsam wir tatsächlich sind, doch die Einsamkeit, die ist ohnehin da und unentrinnbar. Wir sind alle ein bisschen Gott. Wissen ändert in diesem Sinne nichts. Im Grunde genommen auch uns und unsere Einsamkeit nicht.

    Das ist aber nur eine Seite der Geschichte. Kommt es nicht auch noch darauf an, was man weiss? Ist „Wissen“ nicht etwas gar abstrakt, etwas gar bürgerlicher Kulturkanonkram? Informationen können durchaus auch erheitern. Es ist viel Betrübliches in der Welt, aber eben auch viel Schönes. Die Wellen, die Wolken, die Palmen, ein guter Cocktail, eine gelungene Pointe, vielleicht sogar eine tiefe Erkenntnis. All das gibt es auch. Es ist nicht alles Scheisse. Und es hat alles eben auch mit Wissen zu tun.

    Mir scheint, Wissen kann uns das Gefühl von Einsamkeit vermitteln. Manchmal kann es uns aber auch zusammenführen. Manchmal können wir gemeinsam lachen. Manchmal müssen wir gemeinsam weinen. Wissen kann so besehen auch der Kitt der Illusion sein, für einmal sei man nicht einsam.

    „Der Vater furzt, die Kinder lachen, so einfach kann man Freude machen“ – was im Simplen funktioniert, muss am Komplexeren nicht zwingend scheitern.

    • Filifjonka

      Nur kurz und vorweg, bevor ich wirklich antworte: Ich heisse FilifjoNka, nicht FilifjoLka. Mit dem Freiburger Strafrechtsguru habe ich nichts zu tun. Entstamme der Phantasie der finnischen Schriftstellerin Tove Jansson und gehöre zur Familie der Mumins, nicht derjenigen der Professoren.

    • Filifjonka

      With all due respect, Mr. Onduidelijk, das scheint mir nun doch etwas von oben herab. Natürlich ist das Leben schön für denjenigen, der ein schönes Leben hat. Wenn aber das Kind weint, weil sein Teddy ein Auge verloren hat oder die Spielzeugeisenbahn kaputt ist, dann hilft der Hinweis darauf, dass es sich nur um Spielzeug handelt, nicht weiter. Für das Kind ist die Welt kaputt. Seine Welt. Schmerz überhaupt ist einer Bewertung nicht zugänglich, einem Vergleich. “Tun Sie doch nicht so”, sagt der Zahnarzt zum Patienten, in dessen Zähnen er herumbohrt. “Nous avons tous assez de force pour supporter les maux d’autrui” sagt LaRochefoucauld dazu.

      Es handelt sich also nicht um ein Tränenbad, sondern schlicht um Konsternation. Was sollte einem Intellektuellen denn bleiben, wenn nicht wenigstens Freude am Intellekt?

  5. Erg Onduidelijk

    With all due respect, Ms. Filifjonka, das scheint mir nun gar etwas an der Sache vorbei und der Vorwurf, den Schmerz anderer nicht gebührend zu achten gar leicht bei der Hand – ginge es nur darum, einander zu diskreditieren, könnte man es dabei belassen.

    Zwischen uns und dem Wissen und den vergleichsweise herangezogenen Kindern, deren Welt durch die Mutation des Kuscheltiers zum Zyklopen bzw. den Stillstand der Eisenbahn kaputt gegangen ist, gibt es allerdings einen Unterschied, der das Beispiel hinken macht: Der “kaputten” Eisenbahn und dem Teddy, der ein Auge “verloren” hat ist bereits eingeschrieben, was Zivilrechtler einen “Mangel” nennen würden, ein Abweichen von einem Sollzustand. Hat das “Wissen” auch einen Mangel? Ganz offensichtlich weicht es von unseren Erwartungen insofern ab, dass es uns nicht per se zufrieden oder glücklich oder erfüllt macht. Dass auch dieser Befund Schmerz verursacht, und zwar echten und unvergleichlichen Schmerz, mag sein. Es gibt jedoch in der Ursache einen Unterschied.

    Diesen Unterschied können wir nun nicht näher ergründen, wenn wir uns vom (zutreffenden) Befund, dass Schmerz weder der Bewertung noch dem Vergleich zugänglich ist, abhalten lassen. Auf die Gefahr hin, weiter als kaltschnäuzige und dem Leiden anderer gegenüber gleichgültige Sau zu gelten: Die Diskussion über den Schmerz setzt wohl ein Mindestmass an Distanzierung voraus. So besehen müssen wir etwa auch den eigenen Schmerz zu fremden Schmerz machen, wenn wir über ihn nachdenken wollen. Sich gleichzeitig dem Schmerz hingeben und über ihn nachdenken können wir nicht. Weder bei uns noch bei anderen.

    Zum vorgenannten Unterschied: Selbstverständlich ist sicherlich auch ein Kind traurig, das feststellt, dass seine Modelleisenbahn anders als zunächst aus irgendwelchen Gründen erwartet kein Brot toasten und sein Teddy nicht fahrradfahren kann. So ähnlich ist es wohl mit uns und dem Wissen: Es macht uns nicht immer glücklich und mehr davon macht uns nicht zwingend glücklich, die rabenschwarze Aussage: “Wie könnte es uns auch glücklich machen, wenn wir es aus dieser schmerzerfüllten Welt ziehen?” scheint mir dennoch ein Bad in den eigenen Tränen: “Wissen” kann Schmerz und Einsamkeit bringen, aber eben auch Freude und Gemeinsamkeit. Wir bringen uns um die Freude am Intellekt – und versündigen uns damit irgendwo auch am Leben – wenn wir uns in unsere Trauer hineinsteigern – auch das kann man nämlich, Tränenwichsen sozusagen – und uns stets auf die enttäuschte Erwartung konzentrieren, dass die Eisenbahn gefälligst Brot toasten oder der Teddy radeln sollte und uns dem nicht öffnen, was die Eisenbahn und der Teddy für uns tun können.

  6. Pingback: Aussergewöhnlich, nochmals |

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