Denken (und etwas Liebe)

Was ist das: Denken? Immer wieder stosse ich auf Menschen, für die Denken eine Form von Mechanik, von Handwerk ist, in gewisser Weise dem Verwenden eines Werkzeuges vergleichbar, das eingesetzt wird, um ein Problem zu lösen. Das mag zwar auch sein, aber es geht an dem, was mich interessiert, in gewisser Weise vorbei, weil es die Frage nach der Natur des Denkens mit seinem Zweck oder seiner Verwendung beantwortet. Die aber sind natürlich exogen und sagen über das Denken selbst recht wenig aus.

Worin also besteht Denken? Woraus besteht es? Was tun wir, wenn wir denken? Mir scheint, in nichts anderem als darin, Unterscheidungen zu treffen. Wir unterscheiden. Und weil diese Unterscheidungen nicht in der Welt sind, tragen wir sie hinein. Deshalb heisst “Denken” immer auch Verantwortung übernehmen. Es gibt kein Denken, für das wir keine Verantwortung zu tragen hätten. Denn auch dort, und vielleicht gerade dort, wo wir Unterscheidungen anderer übernehmen, machen wir uns diese Unterscheidung ja zu eigen, deren Welt wird die unsere, deren Gedanke der unsere. Deshalb gibt es – ausser dort, wo ich blind und stumpf wiederhole bzw. wiedergebe, was ein anderer gedacht hat – kein “Nach-Denken”, es kann kein eigentliches Denken im Sinne von Nach-Folgen, also in dem Sinne geben, dass etwas bereits Gedachtes, den bestehenden Unterscheidungen eines Anderen entlang, noch einmal gedacht wird, ohne dass es dadurch zu eigen gemacht wird, aufgefressen, im unmittelbarsten Sinne aufgegessen und absorbiert wird.

Wirkliches Denken ist deshalb notwendig immer unser Eigenes, ist von uns selbst nicht zu trennen. Deshalb können wir der Verantwortung dafür auch nicht entkommen, denn uns selbst entkommen wir nur im Rausch. Wer die Verantwortung für das Denken scheut, scheut das Denken selbst. Dort, wo wir die Verantwortung für den Gedanken nicht übernehmen wollen, da beten wir, bewegen uns auf vegetativer Ebene, gleich einer Pflanze ohne Sinn und Verstand, gleich einem Echo wiederholen wir nur Klang und Laut des Rufs, nicht aber dessen Sinn und Bedeutung. Erstaunlich und erschreckend zu gleich ist dabei, dass wir das Denken nicht kontrollieren können, nicht im Ansatz, nicht in der Essenz. Wirkliches Denken führt uns regelmässig auf schwindelerregenden Wegen in beängstigende Höhlen, nicht selten ängstigt uns die Dunkelheit da zu Tode. Auch dafür aber – vielleicht gerade dafür aber – haben wir die Verantwortung zu tragen. Verantwortung für etwas, das wir weder anstreben, noch kontrollieren, noch vermeiden können. Darin und nur darin besteht Denken, so scheint mir. Wirkliches Denken hat erotischen, exzessiven und orgiastischen Charakter. Gleich anderem erfahren wir dies aber nur, wenn wir es zulassen, wenn wir uns hingeben, uns über-lassen und über-eignen. Uns ausliefernd unterwerfen wir uns das Gegenüber bedingungslos, beherrschen es total.

Vielleicht ist Totalität nur ein anderer Name für Denken. Oder für Lieben. Aber die beiden sind an diesem Punkt nicht mehr wirklich zu unterscheiden, weil wir Teil von ihnen geworden sind. Und sie von uns.

Vielleicht ist Totalität das Einzige, das zählt, das Einzige, das wir suchen. Und doch gleichzeitig fliehen. Weil sich hier, in der Totalität, der Unterschied von Denken und Liebe aufhebt, weil hier der Unterschied von Ich und Du verschwindet, wir selbst uns hier auflösen, weil damit das criterium individuationis – unser Schmerz, das Trauma, das uns vor sich her jagt und doch definiert – bedeutungslos wird. Und wir endlich heimkehren  können.

Denken ist ein Liebesakt. Ein totales Umfassen des Gegenstandes, den wir in jeder einzelnen seiner Fasern begehren und dominieren, während wir mit dem Beherrschten verschmelzen und uns darin auflösen und mit ihm eins werden.

Das Bemerkenswerte und Verstörende daran ist, dass in der Auflösung, auf die Denken ebenso wie Liebe unaufhaltsam hinstreben, das Subjekt verschwindet, verschwinden muss, d.h. im Prozess des Denkens ebenso wie in demjenigen der Liebe verschwindet der Liebende ebenso wie der Denkende, weil sie sich mit dem Geliebten und dem Gedachten vereinigen. Wenn ich zwischen Liebendem und Geliebtem, zwischen Denkendem und Gedachtem, nicht mehr unterscheiden kann, dann sind die Begriffe wenig hilfreich.

Vereinzelt wurde daraus geschlossen (Lacan), dass sich (zumindest) Liebe letztlich selbst aufhebt, aufheben muss. Aber derselbe Schluss wäre natürlich auch gültig für das Denken. Weil Lieben ebenso wie Denken danach streben, die Unterscheidung von Subjekt und Objekt aufzuheben, streben sie – so der Schluss – zur Selbstaufhebung. Das ist nicht falsch, und beschreibt die paradoxale Natur der beiden Phänomene gut.

Schauen wir aber etwas genauer hin, so sehen wir, dass in der Aufhebung der Differenz von Denkendem/Gedachtem und Liebendem/Geliebtem eigentlich nur die Möglichkeit verschwindet, Denken  bzw. Lieben als Handlungen vom handelnden Subjekt zu unterscheiden. Es verschwindet nicht die Tätigkeit selbst, also weder Denken noch Lieben qua Handlungen, sie können einzig nicht mehr einem Subjekt zugeordnet werden. In der Verschmelzung mit seinem Objekt mutiert das Subjekt zur Tätigkeit, die Subjekt und Objekt unterscheidet und trennt, das Subjekt wird zum Denken, zur Liebe selbst.

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