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Über die Haut

Das Offensichtliche zuerst: Die Haut bildet eine Art Grenze. Jenseits von ihr ist Imagination, Extrapolation, Konstruktion. Diesseits sind wir. Die Haut umgrenzt uns, umreisst uns, hüllt uns ein, trennt uns von der Welt. Erst die Haut definiert uns in gewisser Weise, definiert unsere Konturen zumindest. So weit, so scheinbar klar. Aber eben nur scheinbar. Eine Art Grenze hatte ich gesagt, damit eine Grenze meinend, die nicht nur Grenze ist. Denn auch das Gegenteil dessen, was ich eben gesagt habe, ist wahr: Die Haut verbindet uns, öffnet uns, eröffnet uns der Welt. Erst die Haut ermöglicht uns, in Kontakt mit der Welt zu treten, sie ist Brücke und Bindeglied. Doch auch dies ist nicht oder nur teilweise wahr: Denn auch diesseits der Haut ist (wie jenseits von ihr) nur Imagination, Extrapolation, Konstruktion. Diesseits der Haut ist die Wahrnehmung ebenso zu Ende wie jenseits von ihr. Unser Hirn etwa oder unsere Lungen sind wahrnehmungsfrei. Und wenn die Haut also Bindeglied oder Brücke zwischen den beiden Bereichen sein soll, die sie trennt, dann ist sie essentiell Brücke zwischen zwei imaginären Bereichen, zwei Imaginationen, zwei Konstruktionen. Eine Brücke im Leeren, die von nirgendwo nach nirgendwo führt. Streng genommen, gibt es nur Haut und Leere – beängstigende, erschreckende Leere. Streng genommen gibt es nur Oberfläche.

Darin lehrt uns die Haut Ähnliches wie die Zwiebel: Immer gehen wir davon aus (sinnsüchtig, wie wir sind), dass es etwas gebe hinter den Dingen, unter der Oberfläche, einen Kern, ein Wesen, etwas Tieferes (oder Höheres, je nach Perspektive), das sich zu suchen lohne. Und wir sind nur allzu leicht bereit, die von uns gar wenig geschätzte Oberfläche hinzugeben für dieses Tiefere, Höhere, Grössere, für ein Versprechen letztlich. Die Haut aber, und ihre Freundin, die Zwiebel, lehren uns anderes: Wir können Zwiebelschale für Zwiebelschale entfernen, es kommt immer wieder eine andere, tieferliegende zum Vorschein, bis – ja bis – nichts mehr bleibt. In der Mitte findet sich nicht ein Kern, sondern schlicht – Nichts. Die Zwiebel ist Zwiebelschale. Zu vermuten steht (und die Haut spricht sehr deutlich dafür), dass menschliche Existenz (und nicht nur menschliche, nehme ich an) nicht einer Babuschka bzw. Matrjuschka-Puppe gleicht, sondern eben einer Zwiebel. Dass es mithin gar keinen Kern gibt, sondern nur Oberfläche.

“Wer nach dem Sinn des Lebens fragt, ist krank”, soll Freud gesagt haben, weil die Frage impliziert, dass das Leben auf etwas hin orientiert sei, ein Ziel oder einen Sinn, die ihm exogen wären. Leben wäre also blosses Mittel zu einem wie immer gearteten Zweck. Als wäre es sich selbst (und uns) nicht genug.

Könnte es nicht sein, dass wir, denen es leichter fällt, das Leben als Strafe zu sehen, denn als ganz und gar sinnlos, das eigentliche Wunder verkennen? Die Brücke, die vom Nirgendwo ins Nichts führt. Könnte es nicht sein, dass die instrumentalistische Perspektive selbst das Problem ist, weil sie die Poesie zerstört und damit den Sinn, den sie zu suchen vorgibt, gerade vernichtet? Könnte es nicht sein, dass die Haut weiser ist, als wir glauben? Könnte es sein, dass sie weiser ist als wir?