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Der Sturm und die Gerechtigkeit

Es [Shakespeares Stück: Der Sturm] pendelt zwischen dem wohlfeilen Gefallen an der gelingenden Vergeltung und der Verblüffung über jene alle Dramaturgie sprengende Verzeihung, wie wir sie immer wieder in Shakespeares Spätwerk finden – etwa wenn Alkibiades mit überlegenem Heer vor Athen steht, um Timons Kränkung zu rächen, ihn aber auf einmal die Wut verlässt und er unvermittelt beschliesst, es einfach sein zu lassen: “Führt mich in eure Stadt und mit dem Schwert bringe ich den Ölzweig: Krieg erzeuge Frieden und Frieden hemme Krieg.” Das ist nicht Pazifismus, sondern etwas Grösseres und Unheimlicheres, das wohl auch Nietzsche im Sinn hatte, als er von der “Selbstaufhebung der Gerechtigkeit” sprach. “Man weiss, mit welch schönem Namen sie sich nennt – Gnade; sie bleibt, wie sich von selbst versteht, das Vorrecht des Mächtigsten, besser noch, sein Jenseits des Rechts”. So auch hier im Sturm, da Prospero, der nun endlich alle, die sein Herzogtum stahlen, in der Gewalt hat, die Fäden fallen lässt, zurücktritt und sich in die Macht jener Leute begibt, von denen er nichts zu hoffen hat. Eine Ethik, paradoxer als die christliche, eben nicht bloss ein Rache-, sondern ein Gerechtigkeitsverzicht, eine all unsere Prinzipien durcheinanderbringende Gleichgültigkeit gegenüber der Idee, dass dem Menschen geschehen soll, was ihm zusteht, und eine Übeltat bestraft werden muss. Hier wartet kein Gott, der die aufgegebene Strafe anderswo vollziehen wird, Prospero ist dieser Gott, und wenn er verzichtet, wird es kein anderer tun. Das Übel bleibt ungesühnt, einfach weil es der Mühe nicht wert ist und weil die Bestrafung ja auch eine Handlung der Schwere wäre. Caliban lügt nicht mit seinen Beteuerungen, dass ihm Schlimmes zugefügt wurde – “dieses Eiland ist mein, von meiner Mutter Sycorax, das du mir wegnimmst” – aber allein sein Beharren darauf setzt ihn ins Unrecht gegenüber Ariel, der zu leicht ist für Erinnerungen, und gegenüber Prospero, dem die Gerechtigkeit in dem Moment, da er sie haben könnte, nicht mehr wichtig ist und der seinen Genius statt dessen in die Verwandlung entlässt.

Daniel Kehlmann: Shakespeare und das Talent, in: Lob. Über Literatur, Reinbeck b. Hamburg 2010, 115 f.

Tatsächlich, Strafe kostet nicht nur etwas, sie anerkennt auch den Bestraften als der Strafe würdig. Insofern ist “Gnade” nicht nur grosszügig, sondern immer auch überheblich, asymmetrisch und undemokratisch, wenn man so will. Primäre Frage ist immer: “Hat der Täter eine Strafe verdient?” Typischerweise wird diese Frage verstanden als Frage danach, ob die Tat wirklich so verwerflich war, ob man nicht Grosszügigkeit walten lassen könne, ob es sich tatsächlich um eine verantwortliche Tat und nicht vielmehr um eine Schwäche handelte etc. Das aber erfasst nur die Hälfte (und möglicherweise die unwichtigere). Das Verbum “verdienen” nämlich meint: Hat der Täter sich genügend angestrengt? Hat er genug getan, das wert wäre, darauf mit Strafe zu reagieren, darauf überhaupt zu reagieren? Hat er genügend daran “gearbeitet”? Oder ist umgekehrt, was er tat, schlicht zu unbedeutend? Ist er selbst zu unbedeutend? Der Strafverzicht ist Ausnahmezustand, d.h. Akt der Macht, und nicht etwa der Liebe.