Category: Unsere Helden

Spiele spielen

They are playing a game. They are playing at not
playing a game. If I show them I see they are, I
shall break the rules and they will punish me.
I must play their game, of not seeing I see the game.

R. D. Laing, Knots, London 1970

Alain über Dummköpfe

L’on a donné un prix Nobel au romancier anglais Kipling. Voilà un choix que j’approuve tout à fait. Justement, ces jours, je lisais quelques récits de cet auteur, et je prenais en pitié nos petits romanciers de quatre sous, couronnés par l’Académie française. Pourquoi? Parce que ce sont des sots. Et à quoi peut-on reconnaître un sot? A ceci qu’il n’explique pas quand il faudrait et qu’il explique quand il ne faudrait pas. […]

Alain, Propos,  La Pléiade – Gallimard, 1956, p. 23 s.

Unsere Zeit

Erschreckend, nicht wahr, mit welcher Präzision bereits 1930 unsere gegenwärtige Situation beschrieben wird.

Nun, das ist ja alles natürlich ganz unwichtig, zumal in so ernsten Zeiten, da ringsum ein Scharren ist, als würden Stühle gerückt zur Tagung des Jüngsten Gerichts, da die Börse bebt, donnernd die Tresors und Hirne platzen und man sieht, dass nichts drinnen ist, die Gewissheiten Fragezeichen ausspeien und eine ungeheure Lebens-Angst alle Atmenden schüttelt.

Alfred Polgar: An den Rand geschrieben, Berlin 1930, 151.

Moritz Schlicks Ermordung

Egon Friedell (1878-1938) schreibt an Lina Loos (1882-1950) über die Ermordung von Moritz Schlick (1882-1936), Philosophie-Professor und Begründer des Wiener Kreises, durch seinen Doktoranden, Hans Nelböck (1903-1954), der ihn fälschlicherweise für einen Juden hielt. Friedell – wie immer – interessiert an der Philosophie bzw. Logik:

Hast Du den Prozess des Dr. Nelböck verfolgt? Der den Prof. Schlick erschoss? Der Fall ist ziemlich kompliziert. Schlick war Positivist. Ein Positivist ist ein Philosoph, der nichts als existent anerkannt ausser a) die Materie, b) deren Bewegungen, c) die Sinnesempfindungen, die durch die Bewegungen der Matene hervorgerufen werden.

Es ist klar, dass ein solcher Mensch erschossen werden muss, nur ist es nicht logisch, dass gerade ein Antipositivist wie Dr. N. es tut. Denn der hat kein Recht zu schiessen. Das hätte nur ein Positivist. Der hätte aber wieder keinen Grund, denn er ist ein Gesinnungsgenosse. Also wer soll ihn erschiessen?

Schreibe bald wieder, es küsst Dich

Egon

Plagiat und Stil

Nach einer Publikation von Anton Kuh im Berliner »Querschnitt” schrieb Egon Friedell an Kuh:

(Wien, 1931)

Sehr geehrter Herr!

Überrascht stelle ich fest, dass Sie meine bescheidene Erzählung „Kaiser Josef und die Prostituierte” unverändert, nur mit Hinzufügung der drei Worte „Von Anton Kuh”, im „Querschnitt” veröffentlicht haben. Es ehrt mich selbstverständlich, dass Ihre Wahl auf meine kleine launige Geschichte gefallen ist, da Ihnen doch die gesamte Weltliteratur seit Homer zur Verfügung gestanden hat. Ich hätte mich deshalb auch gern revanchiert, aber nach Durchsicht Ihres ganzen Oeuvres fand ich nichts, worunter ich meinen Namen setzen möchte.

Egon Friedell

zu  finden in : Egon Friedell: Briefe,  Wien: Prachner  o.J. [1959]

Spute Dich! Das Leben vergeht rasend schnell

Das nächste Dorf

Mein Großvater pflegte zu sagen: „Das Leben ist erstaunlich kurz. Jetzt in der Erinnerung drängt es sich mir so zusammen, daß ich zum Beispiel kaum begreife, wie ein junger Mensch sich entschließen kann ins nächste Dorf zu reiten, ohne zu fürchten, daß — von unglücklichen Zufällen ganz abgesehen — schon die Zeit des gewöhnlichen, glücklich ablaufenden Lebens für einen solchen Ritt bei weitem nicht hinreicht.“

Franz Kafka. Aus: Ein Landarzt, Leipzig 1919

Prognosen

Lakai: Es ist wahrlich nicht richtig, dass der gnädige Herr nicht auf die Gesundheit des gnädigen Herrn achtet.

Turai: Ich? Auf meine Gesundheit?

Lakai: Ja. Im Aschenbecher in der Bibliothek fand ich wenigstens fünfzig Zigarettenstummel.

Turai: Das stimmt nicht. Es waren genau siebenunddreissig.

Lakai: Auch das sind viele.

Turai: Und wie viele rauchen Sie?

Lakai: Fünfzehn.

Turai: Sie werden lange leben.

Lakai: Danke, Herr Professor.

Turai: Ich bin kein Professor.

Lakai: Nur, weil Sie sagen, ich werde lange leben…

Turai: Das wünsche ich Ihnen nur, mein Lieber.

Lakai: Danke, gnädiger Herr. Ich möchte weinen, gnädiger Herr.

Turai: Warum?

Lakai: In der heutigen, eigensüchtigen Welt ein solch goldiger Mensch wie der gnädige Herr. Wie Sie alles interessiert!

F.  Molnar, Spiel im Schloss

Kündigen mit Stil

William Faulkner (1897-1962), US-amerikanischer Nobelpreisträger kündigt seine Stelle bei der Post mit folgendem Brief:

As long as I live under the capitalistic system, I expect to have my life influenced by the demands of moneyed people. But I will be damned if I propose to be at the beck and call of every itinerant scoundrel who has two cents to invest in a postage stamp.

This, sir, is my resignation.

Zu finden ist das hier. Ebenso übrigens wie erheiternde Informationen über den Umgang mit Faulkner bzw. seiner Liebe zum Alkohol.

Selfies

Ein schönes Interview im Spiegel mit Valentin Groebner, Professor an der Uni Luzern zu Selfies und Portraits:

SPIEGEL: Von der Illusion des Lebendigen, Echten lebt heute die Fotografie.

Groebner: Ja, da ist etwas, das wir glauben wollen, obwohl jede Erfahrung dem widerspricht – nicht nur unser Erschrecken angesichts unserer eigenen Selfies, sondern beispielsweise auch die Kriminalistik: Von Anfang an war die Verbrecherfahndung mithilfe von Porträtaufnahmen eher enttäuschend. Das überrascht eigentlich nicht: Nirgends im Körper sind so viele Muskeln versammelt wie im Gesicht. Nicht nur, dass wir es willentlich extrem verändern können – es funktioniert als Kommunikationsschnittstelle ja überhaupt nur, weil es beweglich ist. Dass ausgerechnet die Abbildung eines stillgestellten Gesichts die Wahrheit über eine Person ausdrücken soll, ist eine verbreitete, aber absurde Vorstellung.

SPIEGEL: Warum ist sie so hartnäckig?

Groebner: Sie steht wohl für einen sehr alten Wunsch: Wir wollen an diese Bilder glauben. Wir möchten verführt und von ihnen angeschaut werden. Damit stecken wir in jener magischen, emotionalen Tradition, die mit den frommen Andachtsbildern vor 800 Jahren begonnen hat. Das ist ja auch in Ordnung: die Werber als Nachfolger der raffinierten Bilderzauberer von früher. Es soll mir bitte nur niemand erzählen, wir lebten in einer aufgeklärten, nüchternen und entzauberten Welt.

Erfahrung

In jungen Jahren teilt sich die Welt, grob gesprochen, in Menschen, die schon Sex hatten, und solche, die noch keinen hatten. Später dann in Menschen, die Liebe erlebt haben, und solche, die das noch nicht haben. Noch später – jedenfalls dann, wenn wir Glück haben (oder auch nicht) – teilt sich die Welt in Menschen, die Leid erfahren haben, und solche, die das nicht haben. Diese Einteilungen sind absolut; es sind Wendekreise, die wir überschreiten.

Julian Barnes, Lebensstufen (orig. Levels of Life), Kiepenheuer & Witsch, 2013

Liebe als Leid

Jede Liebesgeschichte ist eine potenzielle Leidensgeschichte. Wenn nicht gleich, dann später. Wenn nicht für den einen, dann für den anderen. Manchmal auch für beide.

Julian Barnes, Lebensstufen (orig. Levels of Life), Kiepenheuer & Witsch, 2013

Des Herzens Kern

Wenn das Herz bricht, dachte er, dann reisst es wie Holz durch das ganze Brett. In seinen ersten Tagen im Sägewerk hatte er gesehen, wie Gustaf Olsson einen massiven Holzklotz nahm, einen Keil hineintrieb und den Keil leicht drehte. Der Klotz brach im Kern von oben bis unten. Mehr braucht man über das Herz nicht zu wissen: nur wo der Kern lag. Dann konnte man es mit einer Drehung, einer Geste, einem Wort zerstören.

Julian Barnes, Die Geschichte von Mats Israelson, in: Der Zitronentisch, Kiepenheuer & Witsch, 2005

Wahrheit und Lüge

Er sah sie an. Er wusste nicht, was er tun oder sagen sollte. Er wollte ihr keine Fragen stellen, damit sie ihm keine Lügen erzählte. Oder damit sie ihm nicht die Wahrheit sagte. Er hatte vor beidem gleichermassen Angst.

Julian Barnes, Die Geschichte von Mats Israelson, in: Der Zitronentisch, Kiepenheuer & Witsch, 2005