Category: Führer der Unschlüssigen

In memoriam Dr. K. H. G.

“Hölderlin ist Ihnen unbekannt?”, fragte Dr. K. H. G., während er die Grube für den Pferdekadaver aushob.
“Wer war das?”, fragte der deutsche Wächter.
“Der den Hyperion geschrieben hat. Die grösste Gestalt der deutschen Romantik”, erklärte Dr. K. H. G. Er liebte es sehr, zu erklären. “Und zum Beispiel Heine?”
“Was sind das für welche?”, fragte der Wächter.
“Dichter”, sagte Dr. K. H. G.. “Aber Schillers Namen werden Sie wohl kennen?”
“Doch, den kenne ich”, sagte der deutsche Wächter.
“Und Rilke?”
“Den auch”, sagte der deutsche Wächter und wurde puterrot und erschoss Dr. K. H. G.

aus: István Örkény: Minutennovellen, BS 1358, Frankfurt/M 2002, 38

Affichage interdit ou métaphysique de la règle

“Affichage interdit!”, voilà ce que peuvent lire les passants sur cette place d’une ville du Sud de la France. Une écrasante majorité des piétons n’y prête pas attention, certains lisent l’inscription et s’interrogent…

Cette règle ne figure-t-elle pas sur une affiche placardée à l’endroit précis où son auteur souhaite ne pas voir d’affiches? Comment une règle peut-elle se contredire de par sa simple existence?

La recette est simple, tout est dans la proclamation. Prenez une norme bien banale interdisant une pratique quelconque. Arrangez-vous pour l’énoncer sur un support ou d’une manière qui contrevienne à elle-seule à cette même norme. Vous aurez alors deux règle: l’une énoncée, l’autre implicite, que l’on peut qualifier de méta-règle, affirmant la validité de la première règle en dépit de sa transgression originaire. Après tout, une règle n’est-elle pas plus claire du simple fait qu’elle illustre elle-même en quoi consiste sa transgression?

Il est interdit d’interdire. Il ne faut jamais dire jamais. Faites ce que je vous dis, non ce que je fais.

Si nous quittons le droit, un tel procédé permet d’expliquer la grammaire anglaise avec humour:

Don’t use no double negatives.

Verbs has to agree with their antecedents.

The passive voice is to be avoided.

a sentence should begin with a capital letter and end with punctuation

Prepositions are not words to end sentences with.

Au-delà du jeu d’esprit qui peut s’avérer distrayant, du moins quelques secondes, ce type d’énoncés met en lumière le caractère d’attente contrefactuellement stabilisée de la règle de droit, à savoir le fait que la règle vaut et existe même si elle est transgressée dans les faits. C’est là sa composante normative. Elle exprime un souhait qui n’est en rien anéanti par le fait qu’il ne se réalise pas toujours.

Ces exemples nous montrent en outre qu’aucune règle ne peut définir elle-même son champ d’application ni sa validité sous peine de souffrir de circularité.

Un Crétois dit: “Tous les crétois sont des menteurs.” En supposant que l’affirmation “tous les crétois sont des menteurs” est vraie, le crétois qui la prononce est un menteur et donc l’affirmation qu’il prononce est fausse (contradiction). Si l’on suppose que l’affirmation est fausse, alors le crétois qui la prononce n’est pas un menteur et l’affirmation est donc vraie (contradiction).

Qu’entend-on par “menteur”? Faut-il comprendre ce mot comme faisant référence à une personne qui ne dit jamais la vérité ou comme faisant référence à une personne qui, au cours de son existence, a déjà dit ne serait-ce qu’un seule fois un mensonge. Quand ment-on? Ment-on lorsque l’on ne dit pas la vérité ou lorsque l’on ne dit pas ce que l’on pense être vrai? À moins que la règle énoncée ne suppose une meta-règle selon laquelle la première règle ne vaut pas dans ce cas précis…

Aussi loin que l’on regarde, la règle est vide, sans fondement propre. Seule la réalité a un fondement: elle-même.

Comment agir? Qu’est-ce qui est juste, qu’est-ce qui est faux? Tout est relativité, interprétation, contingence. En un mot, tout application d’une règle implique un choix.

Fürsorgliche Verbote und Strafen

In was für einer wunderbaren Welt wir doch leben. Schau doch bloss! Jeder ist für alles verantwortlich. Jeder kümmert sich um jeden und achtet darauf, dass der bloss keine Dummheiten macht. Und wenn das ausnahmsweise einmal nicht gelten  soll, dann muss es deutlich gesagt und rechtlich geregelt werden. In New York etwa dürfen tatsächlich Barkeeper schwangeren Frauen keinen Alkohol verweigern, wenn sie danach verlangen, wie die New York Times berichtet.

Begründet wird dies, man höre und staune, mit den Menschenrechten! Auch Schwangere seien hätten nach dem Gesetz das Recht, Alkohol zu verlangen und zu konsumieren. Ihnen diesen zu verweigern, sei illegal. Die lokale Menschenrechtskommission weist zudem darauf hin, dass hier Sicherheit verwendet werde, um traditionelle Rollenmuster zu bekräftigen.

“While covered entities may attempt to justify certain categorical exclusions based on maternal or fetal safety, using safety as a pretext for discrimination or as a way to reinforce traditional gender norms or stereotypes is unlawful,”

Aber das ist natürlich nur in diesem erzliberalen, ohnehin sittenlosen New York vorstellbar. Wie der Link zur Befragung von Pro Publica zeigt, gilt der Konsum von Drogen durch Schwangere in mindestens 18 Bundesstaaten als Kindesmissbrauch, und ist in mind. 3 ein Verbrechen. Da können wir aber aufatmen.

Sie wissen nicht, sie raten – und haben immer recht!

Nochmals ein fröhliches Liedchen über das Leben und die Mitmenschen.

Du bist umgeben von Schwachmaten,
sie wissen nicht, sie raten –
und haben immer recht!

Da die Wahrnehmung unausweichlich perspektivisch geprägt ist, können die Vorstellungen über die Rollenverteilung zwischen Sängern und Schwachmaten im Einzelfall allerdings durchaus auseinandergehen. Nichtsdestotrotz ein unterhaltsames Lied.

Es regnet …

Kennst Du Jaroslav Seifert (1901-1986), den tschechischen Lyriker, der 1984 immerhin den Nobelpreis erhalten hat? Von Seifert gibt es ein wunderbares Gedicht, Der Regenschirm vom Piccadilly. Das Gedicht ist nicht lang (3 kleine Seiten), aber zu lang, als dass ich es hier im Volltext anführen könnte. Immerhin sei der Anfang wiedergegeben:

Wer mit der Liebe nicht ein noch aus weiß,
verliebe sich
Meinetwegen in die englische Königin.
Warum nicht!
Ihr Gesicht ist auf jeder Briefmarke
des altehrwürdigen Königreichs.
Sollte er sie jedoch
um ein Stelldichein im Hyde Park bitten,
kann er Gift darauf nehmen,
dass er vergeblich warten wird.

Wenn er aber nur ein bisschen vernünftig ist,
wird er sich klug zureden:
Ach ja, ich weiß schon,
Es regnet doch im Hyde Park heute.

aus: Jaroslav Seifert:
Im Spiegel hat er das Dunkel, Gedichte, Waldbrunn 1982

Ist das nicht schön? Und tröstlich! Gerade an einem Tag wie diesem. Die Königin wird wohl auch nicht kommen, wenn es derart neblig ist. Das kann man ja wirklich verstehen.

10 Fragen

  1. Hast du ein Liebstes?
  2. Hat es einen Preis?
  3. Würdest Du es hergeben?
  4. Wogegen würdest Du es eintauschen?
  5. Was würdest Du dafür tun, um es zu beschützen?
  6. Was nicht? Was wäre zuviel?
  7. Würdest Du es je fallenlassen?
  8. Was müsste geschehen, damit Du es fallenlässt?
  9. Würdest Du dafür töten?
  10. Würdest Du dafür sterben?

Zukunft, Risiko und Verdammung

Einer der vielleicht besten Texte überhaupt zur Frage von Kontrolle bzw. Beeinflussung der Zukunft, zur Frage also von Sicherheit und Prävention stammt nicht von einem Wissenschaftler, sondern (wie könnte es anders sein) von einem Schriftsteller. Es handelt sich um einen der letzten Texte von Mark Twain (1835-1910), nämlich die Erzählung (genauer gesagt: den unvollendet gebliebenen letzten Versuch eines Romans) “Ein geheimnisvoller Fremder” (The Mysterious Stranger), im Wesentlichen ein Gespräch zwischen ein paar Jungen und Satan. Alleine schon die Publikationsgeschichte ist ein Krimi für sich und es existieren verschiedene Versionen. Doch wurde Besseres zur Frage von Kontingenz, Zufall, Schicksal und unserer lächerlichen Hilflosigkeit nie geschrieben.

Der Text findet sich (englisch) vollständig online hier. Wer ihn herunterladen möchte auf einem e-Reader findet Formate hier.

Versprechen, Verträge und Regeln

Schreibt Salvatore Satta (1902-1975), ein italienischer Schriftsteller, der mit seinem ersten Roman scheiterte und der daraufhin Jurist wurde und Professor für Zivilprozessrecht, in einem Essay über das Mysterium des Prozesses (S. Satta, Il Mistero del Processo, Piccola Biblioteca Einaudi 324, 2a edizione, Milano: Adelphi 2013):

Queste promesse che gli uomini, paurosi l’uno dell’altro, si scambiano in una carta più o meno solenne sono come le promesse di eterna fedeltà nell’amore: valgono finché valgono, rebus sic stantibus, finché la natura, la passione, la follia non prendono il sopravvento.

bzw. für die des Italienischen nicht Mächtigen:

Diese Versprechen, die sich die Menschen, sich voreinander ängstigend, auf einem Stück Papier mehr oder weniger feierlich geben, sind wie die Versprechen ewiger Treue in der Liebe: Sie gelten, solange sie gelten, rebus sic stantibus, bis die Natur, die Leidenschaft, der Wahnsinn die Oberhand gewinnen.

Schön, nicht? Satta, übrigens, hat auch als Professor weitergeschrieben. Ich meine: richtige Bücher. Aber im Geheimen. Und als er starb, fand sich in seinem Nachlass der Roman “Il Giorno del Giudizio” (auf deutsch erhältlich: Der Tag des Gerichts). Ein Buch, das einen umhaut. Und die Welt klagte. Natürlich. Wie immer. Wir haben ein Genie verloren! (stimmt). Und wussten es nicht! (stimmt nicht).

Sehnsucht und Liebe, nochmals …

Kann man sich sehnen, wenn man seiner Bürgerlichkeit entkommen und in die Liebe gefallen ist, hatten wir gefragt, und ich hatte mein Unwissen eingestanden. Ich habe dem nachzuspüren versucht und würde nun die Frage klar bejahen. Ich will ein Beispiel geben:

Kennst Du die Streicherserenade C-Dur op. 48 von Pjotr Tschaikowski? Ihr erster Satz (Pezzo in forma di sonatina), besonders der Beginn und die ersten zwei Minuten sind so sehnsuchtsschwer, so unerfüllt, dass ich sie kaum hören kann, ohne zu weinen. (Vielleicht wäre es nicht uninteressant, die verschiedenen emotionalen Tönungen der Traurigkeit anhand konkreter Musikstücke zu diskutieren.) Wenn ich versuche, das zu lokalisieren, an etwas Konkretem festzumachen, dann führt es mich immer in meine Kindheit. Und vielleicht ist es dies, Sehnsucht nach einem zärtlicheren, beschützteren Leben. Auch die Liebe nämlich, diese Alleskönnerin, vermag nicht die Wunden zu heilen, die uns geschlagen wurden, denn das bewusste Leben ist ja immer beschädigt, vielleicht ist gar Bewusstsein selbst eine Beschädigung. Und so gehören denn unsere Wunden nicht nur unabdingbar zu uns, wir sind diese Wunden. (Dies vielleicht auch der Grund, dass ich den Geretteten so sehr misstraue.) Auch wenn die Liebe notwendig neues Leid bedeutet, so kann sie uns doch trösten. Trösten, indem sie uns vergessen macht. Vergessen, wer wir sind. Die Liebe erlöst uns von uns selbst. Und unseren Erinnerungen – und damit auch von unseren Beschädigungen.

Der 1. Satz der Serenade mit dem Philadelphia Orchestra und Ormandy hier; die vollständige Serenade mit der Bayerischen Kammerphilharmonie und Greenberg hier.

Feuer aller Feuer

Wenn wir schon beim Feuer sind: Die schönste Erzählung zu Liebe, Sehnsucht und Feuer, ist wohl Das Feuer aller Feuer von Julio Cortàzar (1914-1984), einem argentischen Schriftsteller, der viel experimentiert hat und hier zwei Geschichten derart ineinander webt, dass es einen schlicht umhaut. Lass Dich nicht verwirren. Lies sie zu Ende!

Der Volltext der Erzählung findet sich hier.