Schönheit von weitem

But the world is always beautiful
When it’s seen in full retreat
The worst of life looks beautiful
As it slips away in full retreat

Aus: God Only Knows, geschrieben von Joseph Lee Henry, gesungen von Bonnie Raitt auf Slipstream, Video ist hier.

Klugheit, Dummheit, Faulheit und Fleiss

Als er einmal gefragt wurde, unter welchen Gesichtspunkten er seine Offiziere beurteile, sagte er: «Ich unterscheide vier Arten. Es gibt kluge, fleissige, dumme und faule Offiziere. Meist treffen zwei Eigenschaften zusammen. Die einen sind klug und fleissig, die müssen in den Generalstab. Die nächsten sind dumm und faul, sie machen in jeder Armee 90% aus und sind für Routineaufgaben geeignet. Wer klug ist und gleichzeitig faul, qualifiziert sich für die höchsten Führungsaufgaben, denn er bingt die geistige Klarheit und die Nervenstärke für schwere Entscheidungen mit. Hüten muss man sich vor dem, der dumm und fleissig ist, dem darf man keine Verantwortung übertragen, denn er wird immer nur Unheil anrichten.»

H. M. Enzensberger, Hammerstein oder der Eigensinn,  Frankfurt 2008, 77 f.

Angst

Angst ist keine Weltanschauung.

H. M. Enzensberger, Hammerstein oder der Eigensinn,  Frankfurt 2008, 137

Vorschriften

Das Wort «Vorschriften sind für Dumme», womit er alle Durchschnittsmenschen meinte, stammte von ihm und war für ihn bezeichnend.

H. M. Enzensberger, Hammerstein oder der Eigensinn,  Frankfurt 2008, 75

Jeremy Bentham, ein furchtbarer englischer Jurist, und das Panoptikum

Wer weiß schon, was 
ein 
Panoptikum ist? Man braucht nur das Stichwort in die Suchmaske eingeben, schon wird man in die Irre geführt und auf einen Engländer namens Jeremy Bentham verwiesen. Das war ein furchtbarer englischer Jurist, der sich in seiner Freizeit ein ideales Gefängnis ausgedacht hat. Ein einziger Aufseher, der im 
Dunkeln sass, sollte möglichst viele Häftlinge überwachen. Solche Anstalten sind dann tatsächlich erbaut
 worden. Bald entdeckten scharf kalkulierende Unternehmer, dass diese ominöse Erfindung auch zur kostengünstigen und effizienten Organisation einer Fabrik dienen konnte.

Hans Magnus Enzensberger, Panoptikum. Zwanzig Zehn-Minuten-Essays, Berlin: Suhrkamp2012, 8

Bilder aus Konzentrationslagern

M. müsste lügen, wenn er behaupten wollte, dass er Mitleid mit den Opfern empfunden hätte; es ist schlimmer gewesen. Ihr Anblick habe ihn gewürgt. Dieses Gefühl erfasste den ganzen Körper, unwillkürlich und ohne Besinnung. Vor Ekel konnte er tagelang nichts mehr essen, und ganz hat ihn dieser Ekel nicht mehr verlassen.

Eine solche vormoralische Reaktion ist stärker als das vage Schuldgefühl, das man empfindet, weil man in eine Gesellschaft von Mördern hineingeboren wurde. Der Ekel ist eine asoziale Empfindung, frei von jeder nationalen oder intelligiblen Bestimmung; er schliesst den mit ein. Den er überwältigt, einfach deshalb, weil er derselben Spezies angehört.

Die Folgen dieses Schocks hielten lange an. M. konnte damals keinen Arzt mehr aufsuchen, ohne sich Gewissheit über sein Vorleben verschafft zu haben. Ebenso begegnete er jedem Richter, jedem Polizeibeamten und jedem Professor, der einer bestimmten Altersgruppe angehörte, mit einem chronischen Misstrauen. Dieser Argwohn erwies sich, wie nicht anders zu erwarten, in vielen Fällen als begründet. Je weiter er aber seine Nachforschungen trieb, je mehr Bücher er las und sich in Dokumentationen vertiefte, desto mehr drohte die Vergangenheit ihm zur Obsession zu werden. Erst nach geraumer Zeit ist ihm aufgegangen, dass er ganz ohne eigenes Zutun, auf nichts als auf glückliche Zufälle gestützt, immerzu auf die bessere, die richtige Seite geraten war. Zur Tatzeit war er einfach nicht alt genug, um in das Verbrechen verwickelt zu sein.

H. M. Enzensberger, Eine Handvoll Anekdoten, auch Opus incertum, Berlin 2018, 160 f.