Tagged: Tod

Autonomie und Tod

Das Problem mit der Autonomie ist, dass sie im Leben schwierig zu erreichen (und noch schwieriger zu bewahren) ist, und man einen hohen Preis dafür zu zahlen hat, wie für alles Wertvolle, während sie sich im Tod fast schon selbstverständlich ergibt, man sie quasi geschenkt bekommt.

 

“Presque tous les hommes sont esclaves, par la raison que les Spartiates donnaient de la servitude des Perses, faute de savoir prononcer la syllabe non. Savoir prononcer ce mot et savoir vivre seul sont les deux seuls moyens de conserver sa liberté et son caractère.”

Mais non sa vie. Chamfort, l’auteur de cette pensée, dit non à Herault de Séchelles qui veut le faire écrire contre la liberté de la presse. Il est arrêté et se tue.

H. de Montherlant, Carnet XX (1931)

Von Aussen betrachtet ist der Tod eine erzdemokratische, egalitäre Angelegenheit (vgl. etwa Gevatter Tod bei den Gebrüdern Grimm [1857], oder Gleichmacher Tod bei Liezi oder Liä Dsi [ca. 450 v.Chr.]); von Innen aber ist er neben dem Schmerz das Individuellste, das überhaupt vorstellbar ist. Wird er nicht empfangen, sondern selbst gegeben, ist er letzte und reinste Verwirklichung von Autonomie, reinstes Nein als Verweigerung der Sklaverei.

Entsprechend verlockend und attraktiv ist er.

Der Text Chamforts (1741-1794) findet sich zusammen mit seinen anderen Maximes et Pensées hier.

Sex als Verteidigung vor dem Tod

Montherlant zum Sex als einziger Verteidigung vor dem Nichts (natürlich kann man das, der gegenwärtigen Prüderie entsprechend, auch Sinnlichkeit nennen, doch der Text ist radikaler: Carnet XIX, 1930/1931, in: Essais, Bibliothèque de la Pleiade, Paris 1963, 975):

Nous lisons souvent des variations sur : “L’homme ne peut rien pour l’homme. On reste toujours seul.” C’est de la littérature, et fausse. L’homme peut tout pour l’homme. Dans mes poches d’incompréhensible désespoir, au temps des Voyageurs traqués, une demi-heure de plaisir physique, donnée par mon semblable, et le verre de mes lunettes était changé : le monde n’était plus ce monde de suicide où je m’enfonçais depuis des jours. Et qu’est-ce qu’une “solitude” remplie du souvenir et de l’attente de la créature? On est deux ; ce n’est pas une solitude. Je serais prêt à créer une divinité pour pouvoir la remercier de n’avoir jamais été abandonné de ce secours humain de la chair, qui m’a maintenu jusqu’aujourd’hui la tête hors de l’eau.

Je ressasse le mot de Gobineau : “Il y a le travail, puis l’amour, puis rien” (en intervertissant les deux premiers termes). Amour, travail : des passions, ou plutôt, au point où j’en ai besoin, je les appellerais de la drogue. Si la maladie ou des circonstances sociales me privaient à la fois de l’un et de l’autre, que deviendrais-je? Nous retombons sur le suicide.

Erwähnt sei (um es ein wenig komplexer zu machen), dass der erwähnte Joseph Arthur de Gobineau (1816-1882) gemeinhin als Rassist gilt (und auch als Antisemit, was allerdings nicht unbestritten ist), er sicher aber nicht weniger elitär war als Montherlant und damit genauso unzeitgemäss wie dieser. Erwähnt sei auch, dass sich letztlich bei Montherlant der Tod durchgesetzt hat (aber das tut er ja immer), was einmal mehr beweist: Man kann einfach nicht immer vögeln.

Dieselbe schlechte Schenke

Am Ende kommt es auf eins heraus, wie wir die grosse Reise gemacht haben, ob zu Fuss, oder zu Pferd, oder zu Schiff… Wir gelangen am Ende alle in dieselbe Herberge, in dieselbe schlechte Schenke, wo man die Thüre mit einer Schaufel aufmacht, wo die Stube so eng, so kalt, so dunkel, wo man aber gut schläft, fast gar zu gut…

Heinrich Heine: Ludwig Börne, Eine Denkschrift (orig. 1837-1839), zit. nach: H. M. Enzensberger: Ludwig Börne und Heinrich Heine. Ein deutsches Zerwürfnis. Nördlingen 1986: 239

wie durch ein Wunder …

“wie durch ein Wunder …” sei dies oder das geschehen, hab’ ich heut’ wieder gehört.
Das heisst einmal, dass überhaupt Dinge durch Wunder geschehen können. Nicht die Dinge selbst oder die Tatsache, dass sie geschehen, sind wunderbar, sondern sie geschehen durch Wunder. Das erscheint in einer aufgeklärt-säkularen Welt primär einmal als phantasievoll und poetisch.

Zum anderen aber distanziert sich die Redewendung eben gerade von der Poesie. Nicht durch ein Wunder geschehen die Dinge (wird ein Kind gerettet, bleibt der prominente Sänger unverletzt), sondern wie durch ein Wunder. Was geschieht, geschieht also gerade nicht durch ein Wunder, sondern sieht nur so aus. Tatsächlich handelt es sich eben um einen völlig “normalen” (also üblichen und alltäglichen) Vorgang, der einzig dadurch einem Wunder gleicht, dass wir ihn nicht erklären können oder (eher noch) dadurch, dass er aussergewöhnlich erscheint, weil er sehr unwahrscheinlich ist.

Entgegen ihrem Anschein wird also durch die Redewendung das Wunder desavouiert, wird auf etwas sehr Seltenes und Aussergewöhliches reduziert, während es doch in Wirklichkeit gerade nichts kausal Erklärbares darstellt, sondern im Gegenteil eine Ausnahme der Kausalität, ja geradezu ihre (nur momentane, damit aber eben auch grundsätzliche) Aufhebung. Das Wunder ist also nicht Wunder, weil es selten ist, sondern weil es einer eigenen Logik, eigenen Regeln folgt bzw. überhaupt ausserhalb Logik und Regeln steht. Das Wunder ist also Ausnahmezustand par excellence, ist sozusagen sein Prototyp.

In der Seltenheits-Perspektive müsste dann eigentlich auch der Tod ein “Wunder” sein, ereignet er sich doch in jedem Leben nur ein Mal (jedenfalls wenn man Glück hat).