Category: Die Bemerkung

Kindheit

Jeder bekommt seine Kindheit über den Kopf gestülpt wie einen Eimer. Später erst zeigt sich, was darin war. Aber ein ganzes Leben lang rinnt das an uns herunter, da mag einer die Kleider oder auch Kostüme wechseln wie er will.

Heimito von Doderer, Ein Mord den jeder begeht, 2008 [1938], 5.

Zeit und Weh

“Die Zeit hat uns gar nichts anzugehen”, konterte er, und auch er spielte Bitterkeit. “Es bringt nichts, über sie nachzudenken. Sie bewegt sich deswegen nicht langsamer. Wenn Beweglichkeit überhaupt eine ihrer Eigenschaften ist. Alles, was zurückliegt, geschieht jetzt. Im Augenblick. Licht von einem fernen Stern. Was mir vor fünfunddreissig Jahren sehr wehgetan hat, warum sollte mir das heute nicht mehr wehtun?”

Michael Köhlmeier, Von alten Fotografien,
Erzählung aus:  Roman von Montag bis Freitag,  38 Stories, Wien 2004.

Sinn und Zweck

Dort, wo es zum Flugplatz geht, lebte ein Mann, der hiess Walkner, seinen Vornamen weiss ich nicht. Er war Maurer, und er hatte für niemanden zu sorgen, er hatte keine Frau und keine Kinder, nur einen Cousin, der war ebenfalls Maurer. Walkner war Hilfsarbeiter, und als seine Eltern starben, erbte er einen schmalen Streifen Acker, der bald darauf zu Bauland erklärt wurde. Damit war der Wert des Grundstücks gestiegen, und weil es obendrein an einer Strassenkreuzung lag, die in den aufstrebenden Sechzigerjahren an Bedeutung gewann, traten immer wieder starke, finanzkräftige Männer an Walkner heran, sie wollten ihm sein Grundstück abkaufen und Wohnblocks darauf bauen. Sogar in der Gemeinde gab es Fraktionen, die ihn drängten, man nannte ihn einen Egoisten, weil er Boden besitze, den er nicht nutze. Tatsächlich nutze Walkner seinen Acker nicht. Er baute weder etwas an, noch pflegte er das Gras, das dort wild wuchs. Er setzte sich manchmal sonntags unter einen Baum und rauchte seine Zigaretten und trank seinen Most und grüsste den, der an seinem Grundstück vorüberging, auch wenn er selbst nicht gegrüsst wurde.

Michael Köhlmeier, Walkner,
Erzählung aus:  Roman von Montag bis Freitag,  38 Stories, Wien 2004.

Puritaner ärgern sich. Nutzlosigkeit ist nicht Sinnlosigkeit. Dass etwas keinen Zweck hat, kein Ziel, auf das es bezogen wird, entleert es nicht seiner Sinnhaftigkeit. Vielleicht hat gar nur Sinn, was keinen Zweck hat. Man kann das natürlich abwerten, indem man es Romantik nennt. Sicher aber ist, dass es der protestantischen Position widerstrebt.

Über Risikoabwägung, Ehrverletzung und die Gewissheit alles besser zu wissen

Nehmen wir an, Sie sollen einen neuen Mitarbeiter anstellen. Sie sind Teil des leitenden und vollziehenden Organs einer Einrichtung für Lehre und Forschung. Bei der Auswahl des Mitarbeiters sind Sie nicht auf sich allein gestellt. Der entsprechende Fachbereich schlägt Ihnen eine geeignete Person vor. Sie entscheiden sich gegen den Vorschlag, schliesslich wissen Sie es ja besser.

Woher diese Gewissheit, es besser zu wissen? Eine Risikoabwägung. Nein, nein, nicht, dass Sie mich jetzt falsch verstehen. Die Person muss nicht grundsätzlich gefährlich sein. Aber eine Gefahr für den Ruf der Bildungseinrichtung könnte sie schon darstellen. Wie das mit diesen hinterhältigen Gefahren so ist.

Was für ein Risiko denn gemeint sei? Nun ja, nehmen wir beispielsweise den Fall Dominique Strauss-Kahn. Der könnte, obwohl fachlich kompetent, bei der Anstellung ein Risiko für den Ruf einer Universität darstellen. Sie kennen den Fall Dominique Strauss-Kahn nicht? Das ist doch derjenige mit der Vorliebe für unwanted consensual sex mit Hotelangestellten. Geht es bei Ihrem Bewerber etwa um Vergewaltigung? Nein, nein, es war nur ein Beispiel, um zu zeigen, dass es eben nicht nur auf die fachliche Kompetenz ankommt. Also eine andere Straftat? Nein, nein. Es geht lediglich um den Ruf der Universität. Ach so, der Ruf der Universität, nicht der des Bewerbers. Jetzt hab ich es verstanden. Den Ruf der Einrichtung schützen, indem man den Ruf des Bewerbers schädigt, klingt einleuchtend.

Käme der Bewerber jedoch auf die Idee, sich gegen die Ehrverletzung zur Wehr zu setzen, so müsste er wohl selbst eine begehen. Der arme Herr Strauss-Kahn möchte schliesslich auch nicht für alles herhalten.

Es ist eine schwierige Geschichte mit dieser Ehrverletzung; aber gut, dass Sie es besser wissen.

Kulturgeschichte

Schwerer und schwerer wird mir die Beschäftigung mit der Kulturgeschichte. Zwar glaube ich, heute mehr zu erkennen und Zusammenhänge besser erfassen. Doch bewirkt gerade dies, dass ihre Zahl ins Unerschöpfliche wächst, und jeder Bezug, dem ich nachgehe, eröffnet drei weitere, sodass ich mit Büchern dieser Art kaum fertig werde. Das Geflecht dieser Myriaden von Verbindungen, Bezügen und Wechselwirkungen ist hinreissend verführerisch, ein komplexer Organismus mit der vernichtenden Schönheit einer attraktiven Frau. Wie bei jedem erotisch Anziehenden, auf das wir letztlich mehr zufallen als zugehen, besteht der Kern auch hier aus Gewalt, der wir uns unbedingt ausliefern und die uns vollständig verschlingt. Wie wunderbar!

Zurück bleibt nur – auch dies wie immer – unsere Melancholie.

Ein Leben reicht nicht aus, dieses Meer zu durchschwimmern.

More die of heartbreak

Warum zerfällt manchmal einfach alles, schmilzt Solides, verflüssigt und verflüchtigt sich, löst sich in Luft auf, als wäre es nie da gewesen? Könnte es einen anderen Grund geben, als den Mangel an Liebe? Sterben wir je an etwas Anderem, irgendetwas Anderem.

Denken (und etwas Liebe)

Was ist das: Denken? Immer wieder stosse ich auf Menschen, für die Denken eine Form von Mechanik, von Handwerk ist, in gewisser Weise dem Verwenden eines Werkzeuges vergleichbar, das eingesetzt wird, um ein Problem zu lösen. Das mag zwar auch sein, aber es geht an dem, was mich interessiert, in gewisser Weise vorbei, weil es die Frage nach der Natur des Denkens mit seinem Zweck oder seiner Verwendung beantwortet. Die aber sind natürlich exogen und sagen über das Denken selbst recht wenig aus.

Worin also besteht Denken? Woraus besteht es? Was tun wir, wenn wir denken? Mir scheint, in nichts anderem als darin, Unterscheidungen zu treffen. Wir unterscheiden. Und weil diese Unterscheidungen nicht in der Welt sind, tragen wir sie hinein. Deshalb heisst “Denken” immer auch Verantwortung übernehmen. Es gibt kein Denken, für das wir keine Verantwortung zu tragen hätten. Denn auch dort, und vielleicht gerade dort, wo wir Unterscheidungen anderer übernehmen, machen wir uns diese Unterscheidung ja zu eigen, deren Welt wird die unsere, deren Gedanke der unsere. Deshalb gibt es – ausser dort, wo ich blind und stumpf wiederhole bzw. wiedergebe, was ein anderer gedacht hat – kein “Nach-Denken”, es kann kein eigentliches Denken im Sinne von Nach-Folgen, also in dem Sinne geben, dass etwas bereits Gedachtes, den bestehenden Unterscheidungen eines Anderen entlang, noch einmal gedacht wird, ohne dass es dadurch zu eigen gemacht wird, aufgefressen, im unmittelbarsten Sinne aufgegessen und absorbiert wird.

Wirkliches Denken ist deshalb notwendig immer unser Eigenes, ist von uns selbst nicht zu trennen. Deshalb können wir der Verantwortung dafür auch nicht entkommen, denn uns selbst entkommen wir nur im Rausch. Wer die Verantwortung für das Denken scheut, scheut das Denken selbst. Dort, wo wir die Verantwortung für den Gedanken nicht übernehmen wollen, da beten wir, bewegen uns auf vegetativer Ebene, gleich einer Pflanze ohne Sinn und Verstand, gleich einem Echo wiederholen wir nur Klang und Laut des Rufs, nicht aber dessen Sinn und Bedeutung. Erstaunlich und erschreckend zu gleich ist dabei, dass wir das Denken nicht kontrollieren können, nicht im Ansatz, nicht in der Essenz. Wirkliches Denken führt uns regelmässig auf schwindelerregenden Wegen in beängstigende Höhlen, nicht selten ängstigt uns die Dunkelheit da zu Tode. Auch dafür aber – vielleicht gerade dafür aber – haben wir die Verantwortung zu tragen. Verantwortung für etwas, das wir weder anstreben, noch kontrollieren, noch vermeiden können. Darin und nur darin besteht Denken, so scheint mir. Wirkliches Denken hat erotischen, exzessiven und orgiastischen Charakter. Gleich anderem erfahren wir dies aber nur, wenn wir es zulassen, wenn wir uns hingeben, uns über-lassen und über-eignen. Uns ausliefernd unterwerfen wir uns das Gegenüber bedingungslos, beherrschen es total.

Vielleicht ist Totalität nur ein anderer Name für Denken. Oder für Lieben. Aber die beiden sind an diesem Punkt nicht mehr wirklich zu unterscheiden, weil wir Teil von ihnen geworden sind. Und sie von uns.

Vielleicht ist Totalität das Einzige, das zählt, das Einzige, das wir suchen. Und doch gleichzeitig fliehen. Weil sich hier, in der Totalität, der Unterschied von Denken und Liebe aufhebt, weil hier der Unterschied von Ich und Du verschwindet, wir selbst uns hier auflösen, weil damit das criterium individuationis – unser Schmerz, das Trauma, das uns vor sich her jagt und doch definiert – bedeutungslos wird. Und wir endlich heimkehren  können.

Denken ist ein Liebesakt. Ein totales Umfassen des Gegenstandes, den wir in jeder einzelnen seiner Fasern begehren und dominieren, während wir mit dem Beherrschten verschmelzen und uns darin auflösen und mit ihm eins werden.

Das Bemerkenswerte und Verstörende daran ist, dass in der Auflösung, auf die Denken ebenso wie Liebe unaufhaltsam hinstreben, das Subjekt verschwindet, verschwinden muss, d.h. im Prozess des Denkens ebenso wie in demjenigen der Liebe verschwindet der Liebende ebenso wie der Denkende, weil sie sich mit dem Geliebten und dem Gedachten vereinigen. Wenn ich zwischen Liebendem und Geliebtem, zwischen Denkendem und Gedachtem, nicht mehr unterscheiden kann, dann sind die Begriffe wenig hilfreich.

Vereinzelt wurde daraus geschlossen (Lacan), dass sich (zumindest) Liebe letztlich selbst aufhebt, aufheben muss. Aber derselbe Schluss wäre natürlich auch gültig für das Denken. Weil Lieben ebenso wie Denken danach streben, die Unterscheidung von Subjekt und Objekt aufzuheben, streben sie – so der Schluss – zur Selbstaufhebung. Das ist nicht falsch, und beschreibt die paradoxale Natur der beiden Phänomene gut.

Schauen wir aber etwas genauer hin, so sehen wir, dass in der Aufhebung der Differenz von Denkendem/Gedachtem und Liebendem/Geliebtem eigentlich nur die Möglichkeit verschwindet, Denken  bzw. Lieben als Handlungen vom handelnden Subjekt zu unterscheiden. Es verschwindet nicht die Tätigkeit selbst, also weder Denken noch Lieben qua Handlungen, sie können einzig nicht mehr einem Subjekt zugeordnet werden. In der Verschmelzung mit seinem Objekt mutiert das Subjekt zur Tätigkeit, die Subjekt und Objekt unterscheidet und trennt, das Subjekt wird zum Denken, zur Liebe selbst.

Ermutigen

Reicht, um nicht aufzugeben, dass wir dadurch anderen Mut machen, Ertrinkenden, Verzweifelnden wie wir selbst? Ist es nicht Veräusserung und Delegation unseres Ureigensten? Hat sich damit die Frage nicht schon selbst beantwortet?

Ist es richtig, dem Mut zu machen, der alleine nicht weiter kann? Verlängert das nicht bloss die Agonie? Da sich das Scheitern doch nicht meiden lässt. Ist es nicht Zeichen bloss unserer Schwäche, da wir das Leid (auch und gerade der Anderen) so schlecht ertragen?

Es gebe nichts zu beschützen, sagt Malkowski. Stimmt schon.
Aber die Liebe macht uns zu fürchterlichen Schwächlingen.

Und am Ende reicht wohl nicht einmal die Liebe mehr.

Regel und Entscheidung

Ein erwachsener Mensch wird sich immer vorbehalten, eine Situation selbst zu beurteilen. Er wird gerade nicht – wie dies wohl ein Kind tun würde, das von der Verantwortung überwältigt und überrfordert wird – auf irgendeine Regel – wie immer sie geartet sein möge – rekurrieren, weil er weiss, dass die Frage, ob eine Regel auf einen konkreten Fall anzuwenden sei, sich gerade nicht aus der Regel ableiten lässt, dass sie sich eigentlich aus gar nichts ableiten lässt, ausser der eigenen Entscheidung. Keine Regel enthält eine Meta-Regel, die ihre eigene Anwendbarkeit definieren würde.

Das aber heisst nichts anderes, als dass wir die Verantwortung für unsere Entscheidungen nicht los werden. Und weil wir für unsere Entscheidungen verantwortlich sind, hilft uns der Rekurs auf eine Regel nicht weiter. Obwohl wir uns nichts sehnlicher wünschten. als gerade dies.

Weil wir der Verantwortung, die wir fliehen, so gut es eben geht, nicht entkommen können, hilft uns die Regel nicht weiter, es sei denn als Legitimation gegenüber den Gartenzwergen, die vom Drama der Entscheidung nichts ahnen (oder nichts ahnen wollen).

Aus- und Einwandern

Es gibt Menschen, so hört man, die wollen auswandern, weil der frisch gewählte Präsident ihres Landes nicht nach ihrem Geschmack ist. Und dann gibt es Menschen, die ihr Land verlassen wollen, weil sie verfolgt und getötet werden, oder weil sie dort schlicht verhungern. Wie stehen die einen wohl zu den anderen, so fragt man sich.

Alain über Dummköpfe

L’on a donné un prix Nobel au romancier anglais Kipling. Voilà un choix que j’approuve tout à fait. Justement, ces jours, je lisais quelques récits de cet auteur, et je prenais en pitié nos petits romanciers de quatre sous, couronnés par l’Académie française. Pourquoi? Parce que ce sont des sots. Et à quoi peut-on reconnaître un sot? A ceci qu’il n’explique pas quand il faudrait et qu’il explique quand il ne faudrait pas. […]

Alain, Propos,  La Pléiade – Gallimard, 1956, p. 23 s.

Messbarkeit, Berechenbarkeit und Mathematik

Jean François Billeter, ein basler Sinologe, schreibt in seinem letzten Buch “Esquisses” über Sprache, Sinn, Systeme und Kapitalismus.

Einige Zeilen des Buches betreffen die Messbarkeit, Berechenbarkeit und Mathematik. Seine Analyse ist scharfblickend:

Un nouveau processus s’est enclenché au début de l’âge moderne en Italie. Les marchands se sont mis à appliquer à leurs marchandises la science de la géométrie et d l’algèbre. Cette pratique a mené à l’idée que toute la réalité matérielle pouvait être mesurée et représentée par des figures et des nombres. Cette idée a provoqué un essor sans précédent des sciences de la nature et des arts mécaniques. La réalité semblait devenir totalement intelligible, mais c’était au prix d’une nouvelle scission au sein de l’activité humaine, car le langage mathématique relève exclusivement de la fonction. Il ignore les synthèses imaginaires qui donnent leur sens aux mots et qui naissent en nous par intégration d’éléments de notre expérience. Il exclut l’imagination, seule créatrice de sens, mais s’est imposé comme une rationalité supérieure à cause de sa rigueur, de ses développements infinis et de son efficacité pratique.

(Jean François Billeter, Esquisses, Allia,  Paris 2016)

Unsere Zeit

Erschreckend, nicht wahr, mit welcher Präzision bereits 1930 unsere gegenwärtige Situation beschrieben wird.

Nun, das ist ja alles natürlich ganz unwichtig, zumal in so ernsten Zeiten, da ringsum ein Scharren ist, als würden Stühle gerückt zur Tagung des Jüngsten Gerichts, da die Börse bebt, donnernd die Tresors und Hirne platzen und man sieht, dass nichts drinnen ist, die Gewissheiten Fragezeichen ausspeien und eine ungeheure Lebens-Angst alle Atmenden schüttelt.

Alfred Polgar: An den Rand geschrieben, Berlin 1930, 151.