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Gnade

Was für ein Weihnachtsfest! Die Königin von England vergibt Alan Turing doch noch sein Verbrechen – schwul gewesen zu sein.

Turing

Siehe 20Min

… noch Ende 2011 blockte das Justizministerium in London einen Vorstoß ab, Turings Verurteilung postum aufzuheben. Die Begründung: Er hätte schließlich gewusst, dass sein Tun zur damaligen Zeit strafbar gewesen sei.

So der Spiegel. Klar: Selber schuld! Aber immerhin: Wenn schon keine Gerechtigkeit, dann wenigstens Gnade. Wie schön. Der Spiegel weiter:

Die jetzige Entscheidung der Queen war laut Grayling erst die vierte Begnadigung durch einen Monarchen in Großbritannien seit Ende des Zweiten Weltkriegs.

Aha. Waren das auch Schwule, fragt man sich? Und hatte Grossbritannien in dieser ganzen Zeit nur 4 Schwule? Und wenn nicht, wer verzeiht dann den anderen und begnadigt sie? Und wie lange wird das bei denen dauern, die keine für das Königreich unersetzlichen Genies waren, sondern nur einfach schwul?

Wir hatten hier die Gnade und ihr Zugehören zu Gott bereits erwähnt. Nicht überflüssig deshalb vielleicht ein Passage aus der Bibel (Hebräer, 12/6 ff.):

6 Denn welchen der Herr lieb hat, den züchtigt er, und er geißelt einen jeglichen Sohn, den er aufnimmt. Wenn ihr Züchtigung erduldet, so behandelt euch Gott ja als Söhne; denn wo ist ein Sohn, den der Vater nicht züchtigt? Seid ihr aber ohne Züchtigung, derer sie alle teilhaftig geworden sind, so seid ihr ja unecht und keine Söhne!

Wieviel Trost doch Schwule (aber auch andere ungerecht Behandelte) in der Religion finden könnten, wenn sie nur wollten.

Nietzsche zur Gnade

Nietzsche wurde eben erwähnt. Hier der Text von Nietzsche im Original. Zur Genealogie der Moral, 1887, Zweite Abhandlung, Abschnitt 10. Der Text des gesamten Buches findet sich hier.

Mit erstarkender Macht nimmt ein Gemeinwesen die Vergehungen des einzelnen nicht mehr so wichtig, weil sie ihm nicht mehr in gleichem Masse wie früher für das Bestehn des Ganzen als gefährlich und umstürzend gelten dürfen: der Übeltäter wird nicht mehr “friedlos gelegt” und ausgestossen, der allgemeine Zorn darf sich nicht mehr wie früher dermassen zügellos an ihm auslassen—vielmehr wird von nun an der Übeltäter gegen diesen Zorn, sonderlich den der unmittelbar Geschädigten, vorsichtig von seiten des Ganzen verteidigt und in Schutz genommen. Der Kompromiss mit dem Zorn der zunächst durch die Übeltat Betroffenen; ein Bemühen darum, den Fall zu lokalisieren und einer weiteren oder gar allgemeinen Beteiligung und Beunruhigung vorzubeugen; Versuche, Äquivalente zu finden und den ganzen Handel beizulegen (die compositio); vor allem der immer bestimmter auftretende Wille, jedes Vergehn als in irgendeinem Sinne abzahlbar zu nehmen, also, wenigstens bis zu einem gewissen Masse, den Verbrecher und seine Tat voneinander zu isolieren—das sind die Züge, die der ferneren Entwicklung des Strafrechts immer deutlicher aufgeprägt sind. Wächst die Macht und das Selbstbewusstsein eines Gemeinwesens, so mildert sich immer auch das Strafrecht; jede Schwächung und tiefere Gefährdung von jenem bringt dessen härtere Formen wieder ans Licht. Der “Gläubiger” ist immer in dem Grade menschlicher geworden, als er reicher geworden ist; zuletzt ist es selbst das Mass seines Reichtums, wieviel Beeinträchtigung er aushalten kann, ohne daran zu leiden. Es wäre ein Machtbewusstsein der Gesellschaft nicht undenkbar, bei dem sie sich den vornehmsten Luxus gönnen dürfte, den es für sie gibt—ihren Schädiger straflos zu lassen. “Was gehen mich eigentlich meine Schmarotzer an?” dürfte sie dann sprechen. “Mögen sie leben und gedeihen: dazu bin ich noch stark genug!” Die Gerechtigkeit, welche damit anhob “alles ist abzahlbar, alles muss abgezahlt werden,” endet damit, durch die Finger zu sehn und den Zahlungsunfähigen laufen zu lassen—sie endet wie jedes gute Ding auf Erden, sich selbst aufhebend. Diese Selbstaufhebung der Gerechtigkeit: man weiss, mit welch schönem Namen sie sich nennt—Gnade; sie bleibt, wie sich von selbst versteht, das Vorrecht des Mächtigsten, besser noch, sein jenseits des Rechts.

Der Sturm und die Gerechtigkeit

Es [Shakespeares Stück: Der Sturm] pendelt zwischen dem wohlfeilen Gefallen an der gelingenden Vergeltung und der Verblüffung über jene alle Dramaturgie sprengende Verzeihung, wie wir sie immer wieder in Shakespeares Spätwerk finden – etwa wenn Alkibiades mit überlegenem Heer vor Athen steht, um Timons Kränkung zu rächen, ihn aber auf einmal die Wut verlässt und er unvermittelt beschliesst, es einfach sein zu lassen: “Führt mich in eure Stadt und mit dem Schwert bringe ich den Ölzweig: Krieg erzeuge Frieden und Frieden hemme Krieg.” Das ist nicht Pazifismus, sondern etwas Grösseres und Unheimlicheres, das wohl auch Nietzsche im Sinn hatte, als er von der “Selbstaufhebung der Gerechtigkeit” sprach. “Man weiss, mit welch schönem Namen sie sich nennt – Gnade; sie bleibt, wie sich von selbst versteht, das Vorrecht des Mächtigsten, besser noch, sein Jenseits des Rechts”. So auch hier im Sturm, da Prospero, der nun endlich alle, die sein Herzogtum stahlen, in der Gewalt hat, die Fäden fallen lässt, zurücktritt und sich in die Macht jener Leute begibt, von denen er nichts zu hoffen hat. Eine Ethik, paradoxer als die christliche, eben nicht bloss ein Rache-, sondern ein Gerechtigkeitsverzicht, eine all unsere Prinzipien durcheinanderbringende Gleichgültigkeit gegenüber der Idee, dass dem Menschen geschehen soll, was ihm zusteht, und eine Übeltat bestraft werden muss. Hier wartet kein Gott, der die aufgegebene Strafe anderswo vollziehen wird, Prospero ist dieser Gott, und wenn er verzichtet, wird es kein anderer tun. Das Übel bleibt ungesühnt, einfach weil es der Mühe nicht wert ist und weil die Bestrafung ja auch eine Handlung der Schwere wäre. Caliban lügt nicht mit seinen Beteuerungen, dass ihm Schlimmes zugefügt wurde – “dieses Eiland ist mein, von meiner Mutter Sycorax, das du mir wegnimmst” – aber allein sein Beharren darauf setzt ihn ins Unrecht gegenüber Ariel, der zu leicht ist für Erinnerungen, und gegenüber Prospero, dem die Gerechtigkeit in dem Moment, da er sie haben könnte, nicht mehr wichtig ist und der seinen Genius statt dessen in die Verwandlung entlässt.

Daniel Kehlmann: Shakespeare und das Talent, in: Lob. Über Literatur, Reinbeck b. Hamburg 2010, 115 f.

Tatsächlich, Strafe kostet nicht nur etwas, sie anerkennt auch den Bestraften als der Strafe würdig. Insofern ist “Gnade” nicht nur grosszügig, sondern immer auch überheblich, asymmetrisch und undemokratisch, wenn man so will. Primäre Frage ist immer: “Hat der Täter eine Strafe verdient?” Typischerweise wird diese Frage verstanden als Frage danach, ob die Tat wirklich so verwerflich war, ob man nicht Grosszügigkeit walten lassen könne, ob es sich tatsächlich um eine verantwortliche Tat und nicht vielmehr um eine Schwäche handelte etc. Das aber erfasst nur die Hälfte (und möglicherweise die unwichtigere). Das Verbum “verdienen” nämlich meint: Hat der Täter sich genügend angestrengt? Hat er genug getan, das wert wäre, darauf mit Strafe zu reagieren, darauf überhaupt zu reagieren? Hat er genügend daran “gearbeitet”? Oder ist umgekehrt, was er tat, schlicht zu unbedeutend? Ist er selbst zu unbedeutend? Der Strafverzicht ist Ausnahmezustand, d.h. Akt der Macht, und nicht etwa der Liebe.