Category: Die Worthülse

Kernelemente der westlichen Zivilisation

Die westliche Zivilisation wird ausgemacht durch

die lichte Lebenswelt, die quirlende Konsumwelt, die bunte Popwelt

so lernen wir von Frank Meyer im Blick.

Sei ehrlich, hättest Du die drei “Welten” als  “vordergründigste Erscheinungen unseres modernen Alltags” empfunden? Siehst Du! Und schon wieder etwas gelernt! Damit wird nun auch uns endlich klar, was die Terroristen so hassen. Zu dumm nur, dass sie uns dadurch wohl ein wenig sympathischer werden.

Denkfabrik

Und wenn wir schon dabei sind, gleich noch so ein Kulminationspunkt der Bedeutungsleere: Immer wieder mal hört man von einer “Denkfabrik”. Damit wird nicht selten das amerikanische “Think tank” zu übersetzen versucht. Avenir Suisse etwa so eine solche Fabrik.

Fabrik bezeichnet eine industrielle Produktionsstätte, wo nicht Einzelstücke sondern grössere Quantitäten in Massenproduktion hergestellt werden. Beim Denken geht das nicht. Was immer “Denken” heissen soll beim Begriff der “Denk”-fabrik, kann mit Denken überhaupt nichts zu tun haben, muss vielmehr dessen reines Gegenteil sein. Wenn die “Denk”-fabrik wirklich eine Fabrik ist, kann sie gar nichts Neues produzieren, weil dann nicht gedacht werden kann. Im Akkord, als Massenproduktion kann Denken nicht bestehen, kann es nur ein Reproduzieren sein, ein Malen nach Zahlen. Dann aber müsste es “Nachschwatz-Fabrik” heissen, oder “Wir-tun-so-als-ob-wir-nachdächten-wiederholen-aber-nur-was wir-bereits-kennen-Fabrik”.

Zivilgesellschaft

Die “Zivilgesellschaft” habe gewonnen bei der Abstimmung über die Durchsetzungsinitiative, konnte man allenthalben lesen. Ich frage mich, ob die solches schreiben, überhaupt wissen, was sie sagen. Worte können nur dann überhaupt eine Bedeutung haben, wenn diese Bedeutung sich von anderen unterscheidet. Was aber wäre nicht “Zivilgesellschaft”? Die Adelsgesellschaft? Die Militärgesellschaft? Die Kapitalgesellschaft? Sind denn Verbände oder politische Parteien nicht Teil der Zivilgesellschaft? Ist die SVP nicht Teil der Zivilgesellschaft?

Ein Begriff aber, der schlicht alles umfasst, ist bedeutungsleer, bleibt Geschwätz und Geschwurbel.

Tiger macht Osten von Paris unsicher

tigerIm Journalismus durchaus verbreitet: Der sog. «Lead-Stil». In Wikipedia steht dazu etwa: «Die Informationsschlagzeile soll beim Leser Aufmerksamkeit und Neugier wecken und den Nachrichtenkern enthalten. Der Untertitel soll einen Überblick über die einzelnen Bestandteile des Geschehens vermitteln.»

Wirklich eindrücklich, wie auf blick.ch diese Kunst des subtilen journalistischen Spannungsaufbaus bei maximaler Vermittlung von Informationen auch an den eiligen Medienkonsumenten gepflegt wird. Die Geschichte entwickelt so einen nahezu unwiderstehlichen Sog, wenn man sich plötzlich unversehens fragt: «Und was macht der Tiger?»

Menschen abholen

holt die Menschen dort ab, wo sie sind” ergibt bei einer wörtlichen Google-Suche eindrücklich viele Ergebnisse. Zu denen, die solches tun, gehören die Salesianische Pädagogik, die Kirche, Erdogan, aber auch Gott selbst. Wir sind beruhigt, wenn auch nicht beeindruckt. Beeindruckt werden wir erst sein, wenn die Menschen dort abgeholt werden, wo sie nicht sind.

Aufrufen

Diesmal ist die Krim der Anlass: Alle Welt ruft alle Welt zu irgendetwas auf. Das lässt einen engagiert und aktiv erscheinen und kostet nichts. Zudem bleibt die eigene Legitimation ganz bedeutungslos. Man wird doch wohl noch aufrufen dürfen!

Ich meinerseits rufe alle Regierungschefs, Pressesprecher und übrigen engagierten Menschen dazu auf, das Aufrufen zu unterlassen. Und die Journalisten rufe ich dazu auf, die Aufrufe nicht mehr zu verbreiten!

Aber ach, ich seh’s voraus, es ist zwecklos, denn sie werden gerade dieses eine Mal wohl auf mich hören …

«Posing» – die neue Strafbarkeitslücke

Ein deutscher Parlamentarier soll angeblich in Kanada Bilder nackter Kinder bestellt haben. Nachdem er in den Medien reihum der Kinderpornographie bezichtigt wurde, scheint sich nun herauszustellen, dass die Bilder nun doch nicht pornographisch gewesen sein sollen, sondern lediglich – wie wir jetzt gelernt haben – «Posing».

Und was lernen wir daraus weiter: Dass Verbreitung und Erwerb derartiger nicht-pornographischer Bilder nackter Kinder nicht strafbar sind, ist – eine Strafbarkeitslücke!

Der Stern führt aus:

Im Strafrecht wird bei Kinderpornografie zwischen Kategorie eins und Kategorie zwei unterschieden. Bei Kategorie zwei sind nackte Kinder, aber nicht explizit ihre Genitalien im Fokus. Solche Aufnahmen sind nach derzeitiger Gesetzeslage nicht strafbar. Bei Kategorie eins handelt es sich um strafbares kinderpornografisches Material.

Soso, Kategorie eins und Kategorie zwei. Und Kategorie zwei ist nicht strafbar. Und schon tauchen Zweifelsfälle auf: Was haben wir denn hier?

111 Ist das Kategorie drei? Nicht näher identifizierte nackte Haut? Und am End’ auch nicht strafbar? Oder auch Kategorie zwei? Fragen über Fragen also, hier müssen die Strafrechtler wohl noch etwas über die Bücher, bei der Kategorisierung strafloser Hautbilder scheint mir hier doch noch beträchtlicher Erklärungsbedarf zu bestehen.

Vielleicht ja aber auch bald nicht mehr in dieser Form, sollten doch auch «Posing»-Bilder strafbar werden, denn, so der Stern-Artikel weiter:

Auch Kinderschutzbund-Präsident Heinz Hilgers plädierte dafür, den Kauf und Verkauf von Fotos mit nackten Kindern generell unter Strafe zu stellen. Es handle sich um einen schweren Verstoß gegen die Menschenwürde, wenn mit solchen Bildern Geschäfte gemacht würden, sagte Hilgers dem “Kölner Stadt-Anzeiger”. Schließlich würden die Opfer nicht nach ihrem Einverständnis gefragt.

Genau: Leute photographieren ist eine Verstoss gegen die Menschenwürde. Dabei kann es ja wohl nicht darauf ankommen, ob da noch Kleider drumrum sind um die Leute oder nicht, weil drin sind ja immer noch die Leute, oder? Auch Kinderphotos mit Kleidern sind ja regelmässig in reiferen Jahren ein Quell grosser Peinlichkeit. Insofern müsste man gestützt auf diese Argumentation sinnvollerweise auch das Photographieren von Kinderfaschingsumzügen unter Strafe stellen, denn kaum etwas kann wohl demütigender sein, als wenn erfolgreiche Kernphysikerinnen oder Investmentbanker mit Kinderphotos konfrontiert werden, wo sie eher halbherzig als Zauberer, Elfe oder Blume kostümiert und mit müdem bis traurigem Gesicht auf irgendeinem Kindergartenumzug zu sehen sind. Kaum je wird man froher sein, das auf dem Photo nicht mehr zu sein.

Eigentlich dient somit auch das Datenschutzrecht ganz unmittelbar dem Schutz der Menschenwürde, reglementiert es doch die Verbreitung von Bildern (die ja auch Personendaten sind) von Menschen ganz allgemein.

So besehen machen die Taliban das wahrscheinlich schon richtig: Immer alles hübsch einpacken, damit die Würde schön frisch bleibt.

Wie ist das Aussergewöhnliche?

Nach dem Tod eines Bewohners eines Pflegeheims kommt der Verdacht auf, das Ableben könnte auf die fehlerhafte Verabreichung von Medikamenten zurückzuführen sein, die Sache wird untersucht. Als “aussergewöhnlicher Todesfall”.

Die Berner Zeitung geht der Sache nach, befragt einen Staatsanwalt und eine sonstige Beamte und kommt zum titelwürdigen Ergebnis:

Aussergewöhnliche Todesfälle sind selten

Wer kommt denn auch auf so etwas.

Wobei: Ganz so banal ist die Erkenntnis nicht, ist doch eigentlich bereits die Gleichsetzung von Gewöhnlichkeit mit Häufigkeit eine sprachliche und kulturelle Leistung. Selbst wenn in eine Gesellschaft Tötungsdelikte sehr häufig wären, wären sie doch – so nehmen wir einmal an – aussergewöhnliche Todesfälle, weil der Tod nicht eindeutig auf eine natürliche Einstellung des Betriebs des menschlichen Körpers ohne spezifische äussere Einwirkungen zurückzuführen wäre. So besehen weist die prima facie erheiternde Schlagzeile doch darauf hin, dass zwischen den (faktischen) Befund der Häufigkeit des Auftretens eines Phänomens und dessen (normativer) Bewertung als gewöhnlich oder ungewöhnlich keine Schlüsse gezogen werden können.

Von einem Bagger, der merkwürdige Eingeweide eines Landes freilegte, obwohl er nicht in der Erde grub sondern am Himmel kratzte

In der letzten Woche wurde die Schweiz von einem Ereignis bewegt, das eigentlich relativ schnell erzählt ist: Auf einer wichtigen, in ihrer Wichtigkeit durch die Kombination eines Buchstabens, der ganz früh im Alphabet kommt mit einer sehr niedrigen Zahl hervorgehobenen Autobahn kollidierte ein auf einem Tieflader mitgeführter Bagger, den man offenbar noch etwas besser hätte zusammenfalten können mit einer Autobahnbrücke. Dies in einer Gegend, die von den meisten offenbar nur als unwirtliche Ödnis wahrgenommen wird, die man durchquert, wenn man von einer grossen Stadt in eine andere grosse Stadt kommen möchte, was offenbar die meisten Bewohner des Landes mittlerweile mehrmals täglich tun. Die Autobahn musste für einige Stunden gesperrt werden, weil man befürchtete, dass der Bagger vielleicht etwas zu viel von der Brücke mitgenommen haben könnte und diese in der Folge einstürzen könnte, worauf sie in der Folge nach Anbringung einer Stützkonstruktion aus Stahl aber verzichtete. Bis dahin stundenlange Staus, arglose Verkehrsteilnehmer verstopften während Stunden die Strassen in Ortschaften, von deren Existenz sie allenfalls in schweissgetränkten Fieberträumen geahnt hatten, wenn überhaupt. Noch immer ist unklar, ob noch Automobilisten in den unwegsamen Waldgebieten um Fislisbach herumirren und sich nun mit Schneestürmen, Wölfen und Bären herumschlagen müssen.

Und was hat der Bagger nun freigelegt, ausser der mürben Tragkonstruktion einer Brücke? Für einmal geht es nicht um Verkehrspolitik.

Zunächst einmal wird der unglückliche Chauffeur, der eigentlich doch schon genug Kummer hat mit seinem ungenügend zusammengelegten Huckepackbagger von der ehemals „stärksten Zeitung der Schweiz“ (und wohl immer noch der Marktführerin für Nichtgratisschund) kontinuierlich als „Bagger-Depp“ bezeichnet.

Bagger-Depp kracht in Brücke

Fuhrunternehmer und SVP-Nationalrat Giezendanner sagt:

Es war das grosse Thema in der Znüni-Pause, auch dank Blick. Keiner will ein ‚Bagger-Depp’ sein.

Strafbar ist die wenig empathische Bezeichnung wohl nicht, da die Qualifikation beruflicher Leistungen als ungenügend zwar die soziale Geltung einer Person beeinträchtigt, nicht jedoch seine „sittliche“ Ehre, wonach dem Grundsatze nach niemand als böser, im sittlichen Bereich bemakelter Mensch bezeichnet werden sollte. Der Haken an einem Zivilverfahren wäre, dass da wenig zu holen ist und man sich wohl zweimal überlegen wird, ob man in einem wagemutigen Blatt lesen möchte:

Bagger-Depp verklagt Blick

Umso widerlicher die Betitelung eines Menschen, der möglicherweise einen Fehler begangen hat durch Infotainer, die für eine Pointe ihre Grossmutter auch in mundgerechten Stücken verkaufen würden.

Der Unfall wurde von einem nachfolgenden Autofahrer mit einer sog. „Dashcam“, einer auf dem Armaturenbrett installierten Digitalkamera gefilmt und natürlich sofort leserreportermässig irgendwelchen Medien übermittelt und sodann veröffentlicht. Daran habe – so 20 Minuten – der EDÖB nun keine Freude:

 “Solche Dashcams können das Datenschutzgesetz verletzen», sagte die Mediensprecherin seines Büros, Eliane Schmid, auf Anfrage. «Die Betroffenen wissen nicht, dass sie gefilmt werden und können sich so auch nicht dagegen wehren» «So können Videos mit erkennbaren Autonummern und Gesichtern im Internet landen, ohne dass die Betroffenen überhaupt davon Kenntnis haben.» Ein rechtmässiger Einsatz von Dashcams könnte nur schwer gerechtfertigt werden.

Völlig unabhängig davon, ob der Einsatz solcher Kameras sinnvoll ist und ob mit so verfertigten Aufnahmen in einem Verfahren Staat zu machen wäre und schliesslich auch abgesehen davon, dass ein rechtmässiger Einsatz keiner Rechtfertigung mehr bedürfte: Ist es nicht einigermassen albern und unrealistisch, in einer bilderhungrigen Gesellschaft wie der unseren irgendwelche Filmchen Privater zu brandmarken, weil darauf irgendwelche Gesichter oder Autonummern erkennbar sein könnten? Mit dieser Argumentation ist wohl fast jeder Urlaubsschnappschuss eine Bedrohung für den Datenschutz, denn ganz oft sind auf diesen Photos irgendwelche Leute. Sind das jetzt alles Datensammlungen? Das Datenschutzrecht outet sich so einmal mehr als selbstvergessenes Kunstprodukt, das nicht nur weitestgehend ineffizient ist, sondern nur sehr lose mit den Bedürfnissen der Bürger verknüpft ist, was aber kunstvoll hinter hohlen Phrasen und komplizierten Prozeduren versteckt wird.

Wir lernen also: Einen Menschen in die Pfanne hauen und in aller Öffentlichkeit als Bagger-Deppen bezeichnen, ist ok. Filmchen machen, wo Leute drauf sein könnten, geht aber gar nicht.

Neugierige Blicke

Wem ist das nicht auch schon so ergangen: Da sitzen Sie gemütlich mit Ihrem Rollköfferchen mit rosa Bändchen dran im Terminal 4 des Flughafens Madrid Barajas und denken: Wie könnte ich mich jetzt bloss vor allzu neugierigen Blicken schützen? Ein Versandhändler, der “Products with a story” anbietet, hat die Lösung:

Ostrich

Hierzu sei nur diese kleine Bemerkung erlaubt: Die Vorstellung, dass man unsichtbar sei, nur weil man selber nichts sehen könne, erscheint als eine sehr tröstliche Vorstellung. Wie viele tröstliche Vorstellungen ist sie aber wohl falsch.

Abstrafen

Abstrafen im Gegensatz zu Strafen. Die Wähler straften die FDP ab. Aha! Und wie? Indem sie sie nicht wählten. Aha! Und wie unterscheidet sich das von: “Die Wähler straften die FDP”? Überhaupt nicht, ausser durch die Emphase.

Geklimper.