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Bewusstsein und Leid

Aber kann eine Philosophie, deren Ausgangspunkt das Bewusstsein ist, viel mit dem Dasein gemein haben? Das Bewusstsein als solches ist doch dem Leben gleichgültig. Das Leben kennt nur die Kategorien von Leid und Vergnügen. Nur in den Möglichkeiten Schmerz und Lust existiert die Welt für uns. Solange es kein Bewusstsein von Schmerz oder Lust ist, ist das Bewusstsein für uns ohne Belang. Ich habe mir die Existenz dieses Baumes bewusst gemacht – ja und? Er wärmt mich nicht, er macht mich nicht frieren. Bewusstgewordenes Sein ist kein Sein – solange meine Sinne es nicht empfinden. Wichtig ist bist das bewusstgemachte, sondern das empfundene Sein. Das Bewusstsein muss also ein Bewusstsein der Empfindungsfähigkeit sein, nicht unmittelbares Bewusstsein des Seins.

Das Leid aber (und also auch das Vergnügen) steht seinem Wesen nach im Widerspruch zum Begriff der Freiheit. Zu sagen, dass wir uns eine gewisse, grundsätzliche Möglichkeit von Freiheit angesichts des Leidens bewahren (die an der Sinnhaftigkeit unseres Wertesystems hinge; und sei es auch nur die Freiheit “in der Situation”), hiesse diesem Wort überhaupt jeden Sinn zu rauben. Das Leiden ist etwas, das ich nicht will, das ich erleiden muss, entscheidend ist hier der Zwang, also der Mangel an Freiheit. Es gibt wohl kaum einen grösseren Gegensatz als den zwischen Leiden und Freiheit.

Witold Gombrowicz, Berliner Notizen (Tagebuch 1964), Berlin 2013, 79

Über die Haut

Das Offensichtliche zuerst: Die Haut bildet eine Art Grenze. Jenseits von ihr ist Imagination, Extrapolation, Konstruktion. Diesseits sind wir. Die Haut umgrenzt uns, umreisst uns, hüllt uns ein, trennt uns von der Welt. Erst die Haut definiert uns in gewisser Weise, definiert unsere Konturen zumindest. So weit, so scheinbar klar. Aber eben nur scheinbar. Eine Art Grenze hatte ich gesagt, damit eine Grenze meinend, die nicht nur Grenze ist. Denn auch das Gegenteil dessen, was ich eben gesagt habe, ist wahr: Die Haut verbindet uns, öffnet uns, eröffnet uns der Welt. Erst die Haut ermöglicht uns, in Kontakt mit der Welt zu treten, sie ist Brücke und Bindeglied. Doch auch dies ist nicht oder nur teilweise wahr: Denn auch diesseits der Haut ist (wie jenseits von ihr) nur Imagination, Extrapolation, Konstruktion. Diesseits der Haut ist die Wahrnehmung ebenso zu Ende wie jenseits von ihr. Unser Hirn etwa oder unsere Lungen sind wahrnehmungsfrei. Und wenn die Haut also Bindeglied oder Brücke zwischen den beiden Bereichen sein soll, die sie trennt, dann ist sie essentiell Brücke zwischen zwei imaginären Bereichen, zwei Imaginationen, zwei Konstruktionen. Eine Brücke im Leeren, die von nirgendwo nach nirgendwo führt. Streng genommen, gibt es nur Haut und Leere – beängstigende, erschreckende Leere. Streng genommen gibt es nur Oberfläche.

Darin lehrt uns die Haut Ähnliches wie die Zwiebel: Immer gehen wir davon aus (sinnsüchtig, wie wir sind), dass es etwas gebe hinter den Dingen, unter der Oberfläche, einen Kern, ein Wesen, etwas Tieferes (oder Höheres, je nach Perspektive), das sich zu suchen lohne. Und wir sind nur allzu leicht bereit, die von uns gar wenig geschätzte Oberfläche hinzugeben für dieses Tiefere, Höhere, Grössere, für ein Versprechen letztlich. Die Haut aber, und ihre Freundin, die Zwiebel, lehren uns anderes: Wir können Zwiebelschale für Zwiebelschale entfernen, es kommt immer wieder eine andere, tieferliegende zum Vorschein, bis – ja bis – nichts mehr bleibt. In der Mitte findet sich nicht ein Kern, sondern schlicht – Nichts. Die Zwiebel ist Zwiebelschale. Zu vermuten steht (und die Haut spricht sehr deutlich dafür), dass menschliche Existenz (und nicht nur menschliche, nehme ich an) nicht einer Babuschka bzw. Matrjuschka-Puppe gleicht, sondern eben einer Zwiebel. Dass es mithin gar keinen Kern gibt, sondern nur Oberfläche.

“Wer nach dem Sinn des Lebens fragt, ist krank”, soll Freud gesagt haben, weil die Frage impliziert, dass das Leben auf etwas hin orientiert sei, ein Ziel oder einen Sinn, die ihm exogen wären. Leben wäre also blosses Mittel zu einem wie immer gearteten Zweck. Als wäre es sich selbst (und uns) nicht genug.

Könnte es nicht sein, dass wir, denen es leichter fällt, das Leben als Strafe zu sehen, denn als ganz und gar sinnlos, das eigentliche Wunder verkennen? Die Brücke, die vom Nirgendwo ins Nichts führt. Könnte es nicht sein, dass die instrumentalistische Perspektive selbst das Problem ist, weil sie die Poesie zerstört und damit den Sinn, den sie zu suchen vorgibt, gerade vernichtet? Könnte es nicht sein, dass die Haut weiser ist, als wir glauben? Könnte es sein, dass sie weiser ist als wir?

Ideal und Realität

Und nochmals Montherlant (pour gouter ou dégouter) aus den Carnets:

Ce n’est pas la réalité qui est vulgaire, c’est l’idéal.

Hübsch, nicht. Und typisch Selbstmörder erfindet er sich Gründe weiterzuleben (Cioran hatte das mal gesagt, nicht, dass der Selbstmörder sich am Sinn des Lebens erschöpft, weil er sich immer wieder neue Begründungen suchen muss):

4 septembre. – La chair n’est pas triste et je n’ai pas lu tous les livres.

Essentiell misstrauisch bleibt er, dem Geist ebenso wie dem Herzen gegenüber, nur die Sinne verschont er:

Tout ce qui est du coeur est inquiétude et tourment, et tout ce qui est des sens est paix.