Nettelbecks Prozesse

Ein phantastisches Buch mit phantastischen Berichten über Strafprozesse, und ihre Entlarvung.

In der mündlichen Urteilsbegründung reduzierte das Gericht die Tat des Eckart Mellentin auf das an ihr Feststellbare, den gemeinen Mord. Eckart Mellentin habe, um sich aus einer durchaus unangenehmen Situation zwischen zwei Frauen zu lösen, eine Frau getötet, die ihm lästig geworden sei, und ein Kind, das ihn gestört habe. Diese Tat stehe auf dem niedrigsten sittlichen Niveau. Es konnte nicht anders entscheiden. Das Strafgesetz ist nicht für einen, sondern für alle da. Nur trifft es eben immer einen Menschen, der keinem anderen gleicht, und richtet es stets über einen Fall, der ohne Beispiel ist.

Uwe Nettelback, Prozesse. Gerichtsbericht 1967-1969, Berlin 2015, 20.

Jedem, aber wirklich jedem sei das Buch empfohlen, nicht nur wegen der Berichte über die Kindermörder Jürgen Bartsch und Klaus Lehnert, oder über den Frankfurter Brandstifter-Prozess gegen Gudrun Ensslin, Andreas Baader, Thorwald Proll & Horst Söhnlein, die dannzumal noch niemand kannte, sondern wegen des wirklich aussergewöhnlichen Verständnisses dafür, was ein Strafprozess darstellt und was er mit den Beteiligten anstellt, und nicht zuletzt wegen der grossen Sprachkraft Nettelbecks, die ihresgleichen sucht.

Blamabel!

Die NZZ am Sonntag hat am 10. Oktober 2020 darüber berichtet, dass sich die Experten im Frühling über die Grippeimpfung stritten. Im Rahmen dieses Artikels verglich das Blatt die Grippeimpfquoten bei Senioren, also die Prozentanteile der Senioren, die sich gegen Grippe impfen lassen, in verschiedenen Ländern und stellte fest, dass sich in Grossbritannien 72% der Senioren impfen lassen, in den Niederlanden, Griechenland, Spanien, Italien und Frankreich mehr als die Hälfte, in der Schweiz aber nur 31% (weniger sogar als in Deutschland, wo es 35% sind). Das nennt die NZZaS einen «blamabel tiefen Wert in Europa». Unklar dabei bleibt allerdings, wieso sich jemand blamiert, wenn er sich nicht impfen lässt. Weil er etwas anderes tut, als viele andere in Europa?

Journalisten (nicht die Medien, sondern diejenigen, die berichten) scheinen ganz offensichtlich Varianz, Vielfalt und unterschiedlichen Regelungen feindlich gesinnt zu sein. Zumindest wo es sich nicht um Privates und Persönliches wie Geschlecht oder sexuelle Präferenzen handelt, sondern um Politik. Jede regional orientierte Regelung wird einheitlich abschätzig als «Flickenteppich» bezeichnet und bei unterschiedlichen Regelungen stets so intensiv nach Sinn und Effizienz unterschiedlicher Regelungen gefragt, dass man nur schwer glauben kann, dass die Medienschaffenden auch nur im Ansatz die Funktion von Demokratie und Föderalismus verstanden haben. Immer sind Diktaturen nicht nur einheitlicher, sondern auch effizienter als Demokratien. Wem nicht einleuchtet, dass in Bern und Zürich nicht dieselben Regeln gelten, der müsste wohl erklären, warum das anders sein sollte bei Unterschieden zwischen einzelnen Ländern. Warum nicht eine einheitliche Regelung für die gesamte Menschheit?

Aber die NZZ? Die NZZaS? Weniger als ein Drittel aller Senioren lässt sich hierzulande gegen Grippe impfen. Was für eine Blamage! Weniger als halb soviel wie in Grossbritannien oder den Niederlanden. Ich schäme mich für die Schweiz. Und ihre Bevölkerung.

Und die NZZaS.

Ein Bettler, wenn er nachdenkt

O ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt, ein Bettler, wenn er nachdenkt, und wenn die Begeisterung hin ist, steht er da, wie ein misrathener Sohn, den der Vater aus dem Hause stiess, und betrachtet die ärmlichen Pfennige, die ihm das Mitleid auf den Weg gab.

Friedrich Hölderlin, Hyperion oder der Eremit in Griechenland, Bd. 1, Tübingen 1797, 12.

Swiss Girls

She was so unlike the Swiss girls whom I would see every day in the street, their faces pretty and fresh, all butter and cream, and their eyes blank with an invulnerable lack of experience.

Graham Greene, Doctor Fischer of Geneva and the bomb party, London 1980, 14

Imperative necessity

Eines der besten Bücher eines der besten Autoren. Und eine wunderbare Passage, die den Charakter des Erzählers in wenigen Worten skizziert.

I doubt if one ever ceases to love, but one can cease to be in love as easily as one can outgrow an author one admired as a boy. The memory of my wife faded quickly enough and it was not constancy which stopped me from looking for another wife – to have found one woman who accepted me as a lover in spite of my plastic imitation of a hand and my unattractive income had been a near miracle, and I couldn’t expect a miracle like that to be repeated. When the necessity to have a woman became imperative I could always buy a copulation, even in Switzerland, after I had found my employment in the chocolate factory to augment my pension and the little which I had inherited from my parents (very little it was, but as their capital had been invested in War Loan, at least it paid no English tax).

Grahame Greene, Doctor Fischer of Geneva and the bomb party, London 1980, 12 f.