Category: Unsere Tode

Unfreiwillige Komödianten

Zum Abschied, das wunderbare Buch, Zwei Herren am Strand, ist trotz äusserst langsamer Lektüre, zu Ende gegangen, noch eine ganz phantastische Passage (248 f.):

Meine Mutter starb, als ich fünf war, ich kann mich nur schemenhaft an sie erinnern. Mein Vater hat den Verlust nie überwunden. Er hat nicht mehr geheiratet. Um sich selbst zu trösten und um mir ein wenig das Gefühl einer Familie zu vermitteln, spielte er mir am Abend vor dem Einschlafen “Gespräche der Eltern über ihren Sohn” vor. So sachlich drückte er sich aus. Er umarmte ein Kopfkissen, das war meine Mutter und sprach einmal als er einmal als sie. Ohne die Stimme zu verstellen. Es war nichts Parodistisches dabei. Die Gespräche waren manchmal lustig, meistens ernst, wenn sie lustig waren, waren sie nicht lustig gemeint. Er erzählte meiner Mutter, was am Tag geschehen war, sie gab ihre Kommentare dazu ab, er fragte sie um Rat, sie gab Rat. Es kam vor, dass sie nicht einer Meinung waren, es kam vor, dass sie sich stritten, dann war er beleidigt und redete nicht mehr und überliess ihr das Reden, bis sie sich wieder versöhnten. Er spielte das so glaubwürdig, dass mir während der Szene nicht ein Mal der Gedanke kam, das alles sei gar nicht echt. Wenn er den Beleidigten spielte, war er beleidigt, und ich bat ihn, wieder mit Mama gut zu sein, ich hätte sonst nicht einschlafen können. Mein Vater war ein grosser Komödiant, ein grosser unfreiwilliger Komödiant.

Ist das nicht herrlich? Beschreibt es nicht vollständig unsere Gespräche? Wir bringen es nicht über uns zu sagen, was uns quält, und spielen deshalb ständig Theater. Unfreiwillige Komödianten allesamt.

Milch kocht über

Ist es kindisch, wenn es mir besser geht, nur weil mein Computer wieder funktioniert, wie er sollte, das WLAN steht und das Internet fliegt? Wahrscheinlich. Aber offenbar bin ich recht kindisch. Und schäme mich nicht einmal wirklich dafür. Auch mein kleines, rotes Auto bereitet mir eine ganz unverhältnismässige Freude. Die sinnlichen Kleinigkeiten eben.

Einer meiner Lieblinge, Odo Marquard (*1928) hat das wunderbar beschrieben:

Die Menschen verzweifeln nicht, solange sie immer gerade noch etwas zu erledigen haben: die Milch am Überkochen zu hindern, den Zug in den nächsten Bahnhof zu fahren, das Baby zu füttern, zu Ende zu operieren, das termindringliche Förderungsgutachten zu schreiben, dem Ortsfremden Auskunft zu geben und so fort; dadurch (durch diese kleinen Aufhalter im Sinne des Mini-Kat-Echon) kommen die Menschen – und das ist richtig so –, durch Pensen aufgehalten, ständig zu spät zum Rendez-vous mit dem absoluten Nein.

Odo Marquard, Zur  Diätetik der Sinnerwartung, in:
Apologie des Zufälligen,  Philosophische Studien, Stuttgart 1986, 49.

Gerade dies aber, der kleinräumige, praktische Alltag, die Wiederholung, das Ersetzbare ist, was die Liebe nicht erträgt, die immer Schicksal ist, Katastrophe und Erlösung zugleich, die immer Rendez-vous ist mit dem Absoluten. In seinem Gedicht Heute formuliert das Jan Skácel (1922-1989) schön. Darin heisst es zum Schluss:

An einer Haltestelle
stehen wir beide allein und warten schon längst
nicht mehr auf Gottes Erbarmen bloss auf die Strassenbahn

Jan Skácel, Heute, in: Und nochmals die Liebe, Gedichte, Salzburg 1993

In diesem Spannungsfeld ist alles enthalten. Wer würde ein Leben wollen, das sich im Alltag erschöpft, in beherrsch- und vorhersehbarer Mechanik, wer würde Sinnlichkeit erstreben, die nicht mehr wäre als das? Stimmt schon: Nur Sinnlichkeit rettet uns vor der Verzweiflung. Indem sie uns zwingt, Äonen von Möglichkeiten, die unser Kopf, unser Herz, unsere Phantasie ersinnen, zugunsten einer Einzigen zu ermorden. Das ist das unabwendbar, unbeherrschbar Gewalttätige an und in ihr. Das uns erfasst und auffrisst, und wenn wir Glück haben, mit sich fortträgt. Das ist, was unsere bürgerliche Existenz zu Tode ängstigt und was sie deshalb mit allen Mitteln zu domestizieren und (weil das nicht möglich ist) zu eliminieren oder wenigstens zu vermeiden sucht. Der Konnex von Sinnlichkeit und Gewalt ist alles andere, als zufällig oder auch nur akzessorisch, sondern essentiell, kardinal. Sinnlichkeit ist Gewalt. Sie ist die Mörderin der Möglichkeiten, erbarmungslose Königin, strahlende Herrscherin, die mit einem Blick allein vernichtet, was ihre absolute Herrschaft auch nur in Frage stellt geschweige denn gefährdet.

Gleichzeitig aber ist diese Rettung vor dem Rendez-vous mit dem absoluten Nein immer nur eine vorübergehende, hebt sich auf im selben Moment, in dem sie gelingt. Ist flüchtig, ephemer und volatil. Dies ist der mystische Grund unserer durchgreifenden und nicht zu behebenden Trauer. Untröstlich sind wir. Immer und immer wieder. Und daher unersättlich. Post coïtum animal triste, aber nicht, weil wir müde wären, wie mancherorts behauptet wird (das sind wir wohl auch), sondern weil unser Weh nicht zu heilen ist. Und wir es erkennen. Weil wir nicht zu glauben vermögen, dass uns Gott verlassen hat. Dass wir alleine sind. Dass uns niemand beschützt hat. Damals. Und heute genauso.

Ich könnte hier eine Geschichte über das Meer anfügen. Und die Frauen. Aber es wäre nur eine Geschichte. Besser verständlich wird wohl, was ich meine, durch Sinnlichkeit selbst. G. F. Händels (1685-1759) Klaviersuite Nr. 7 g-moll, HWV 432, enthält als drittes Stück ein Allegro, das – richtig gespielt – einfach alles auffrisst, was sich in den Weg zu stellen wagt. Und wenn es endet, kann es gleich wieder beginnen. Richtig gespielt meint die Einspielung von Andrei Gavrilov (*1955). Im folgenden Video spielt er auf einem merkwürdig gestimmten, aber höchst sinnlichen Flügel. Sekundiert wird er von Sviatoslav Richter (1915-1997), dem nach Glenn Gould (1932-1982) wohl bedeutendsten Pianisten des 20. Jahrhundert. Das Video gibt die ganze Suite wieder, aber es setzt beim Allegro ein. Auf das Allegro folgt eine überaus zärtliche, fast gehauchte Sarabande, dann eine Gigue als Überleitung zur abschliessenden Passacaglia (leicht zu erkennen, welcher Teil des Liebesaktes das ist).

Und für diejenigen, die kein Klavier mögen, als Alternative Aram Khatchaturians (1903-1978) Walzer aus der Masquerade Suite.

Zukunft als Katastrophe

Wenn ein Auto ins Schlingern gerät, gibt es einen bestimmten Punkt, bis zu welchem seine Bewegung noch zu kontrollieren, noch zu korrigieren ist. Danach entwickelt sich eine Eigendynamik, die sich stetig verstärkt. Wie in einer gelungenen Tragödie kann man dann die Katastrophe kommen sehen. Unausweichlich und folgerichtig. Genau so ist es mit unserem Leben. Weil wir aber die Katastrophe als unausweichlich erkennen, lange bevor sie eintritt, scheint uns der Weg dahin quälend langsam, wie in Zeitlupe. Auch dies nicht wirklich anders in unserem Leben.

Die Welt in Grün

Und noch was sehr, sehr Hübsches. Tom Waits und “All the World is Green

I fell into the ocean
When you became my wife
I risked it all aganist the sea
To have a better life
Marie you’re the wild blue sky
And men do foolish things
You turn kings into beggars
And beggars into kings

Hier der Song in einer eindrücklichen Verfilmung. Und hier der Text mit Erläuterungen. Hättest Du gedacht, dass hier Georg Büchners (1813-1837) Drama Woyzeck vertont wird, eines der ganz grossen Theaterstücke der Weltliteratur, in dem Woyzeck erst seine Geliebte Marie tötet und hernach sich selbst. Warum wohl, ach, mein Herz?

Ja, die Liebe, die Liebe ist ein höchst gefährliches, ein seltsam mörderisches Tier. Nimm Dich bloss in Acht.

Der Tod ist gross

Der Tod wohne in uns, hatte ich gesagt, und dabei ganz vergessen, das schönste Gedicht hierzu auch nur zu erwähnen. Das sei hier nachgeholt: Rainer Maria Rilke, Das Buch der Bilder, 2. vermehrte Auflage 1906 (der Volltext findet sich hier), gemeint ist das “Schlußstück”:

Der Tod ist groß.
Wir sind die Seinen
lachenden Munds.
Wenn wir uns mitten im Leben meinen,
wagt er zu weinen
mitten in uns.

Nimrod

Kennst Du die Enigma-Variationen von Edward Elgar (1857-1934)? Natürlich! wirst Du sagen. Ich bin gerade zufällig (gibt es das?) wieder einmal darüber gestolpert. Darin findet sich eine Variation, die 9., Nimrod genannt, weil sie Elgars Freund August Jaeger gewidmet ist und Nimrod auch als grosser Jäger in die Legende einging. Kaum ein anderes Stück Musik gibt mir so sehr das Gefühl, das Eichendorff in der letzten Strophe seiner Mondnacht so umschreibt:

Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stillen Lande,
Als flöge sie nach Haus

Die Einspielungen sind Legion, aber hier findest Du eine besonders schöne mit Colin Davis und dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks.

Grosse Schönheit schmerzt. Immer. Und immer steht der Tod in ihrem Schatten. Scheint ganz, als wären die beiden irgendwie verwandt.

Feuer aller Feuer

Wenn wir schon beim Feuer sind: Die schönste Erzählung zu Liebe, Sehnsucht und Feuer, ist wohl Das Feuer aller Feuer von Julio Cortàzar (1914-1984), einem argentischen Schriftsteller, der viel experimentiert hat und hier zwei Geschichten derart ineinander webt, dass es einen schlicht umhaut. Lass Dich nicht verwirren. Lies sie zu Ende!

Der Volltext der Erzählung findet sich hier.

Sehnsucht und Liebe

Kann man sich nach etwas sehnen, das man nicht kennt? Aber natürlich! Das erleben wir alle, wenn wir lieben. Plötzlich wissen wir, was wir immer vermisst haben, was uns immer gefehlt hat. Mit einem Mal sind wir allein (oder besser: werden uns bewusst, dass wir es sind). Mit einem Mal sind alle Regeln und Gewissheiten bedeutungslos, alle unsere kleinen gutbürgerlichen Mäuerchen und Zäunchen, die wir aufstellen, um uns an wenigstens Etwas halten zu können, erweisen sich als Spielzeug. Für Platon ist dieses Sehnen der eigentliche Urgrund der Liebe. Im Symposion (Gastmahl) beschreibt er bzw. lässt er Aristophanes beschreiben, wie die Menschen ursprünglich rund wie Kugeln waren, bis die Götter sie, um sie zu schwächen, in zwei Hälften schnitten und damit letztlich die Geschlechter schufen, die seither an ihrer Unvollständigkeit leiden und sich nach der verlorenen Ganzheit sehnen.

Ist Liebe also Erfüllung einer Sehnsucht? Kaum. Das hatte ich erst gedacht und es im ersten Anlauf auch bedenkenlos hingeschrieben, aber: Ach nein! Das ist leider ganz falsch, grundfalsch! Denn mit Erfüllung hat sie wohl wenig zu tun. So wenig gar, dass man fast sagen möchte, wo Erfüllung ist und deshalb unser Sehnen aufhört, zieht sich die Liebe sachte zurück. Aber hilft sie uns denn wenigstens in unserem Sehnen, fragst Du, ist sie Trost und Beistand? Ach, wie gerne würde ich das glauben, aber auch dies trifft wohl, wenn man genauer hinschaut, nicht zu.

Liebe scheint keine Reaktion auf unsere Sehnsucht, die dunkel und schwer, kaum fasslich in uns … schwelt hätte ich beinahe gesagt, denn wie von einem lodernden Feuer mit der Zeit nur noch die (natürlich viel heissere) Glut übrig bleibt, so scheint unsere Sehnsucht Überbleibsel eines Feuersturms, den wir überlebt haben. Liebe aber ist überhaupt keine Reaktion auf irgendetwas. Sie ist immer schon da. Wir können sie nur zulassen. Oder eben nicht. Und selbst dies ist nicht eigentlich wahr. Denn nur die Liebe vermag dem Tod Paroli zu bieten. Wir haben nichts anderes. Nicht wirklich eine Wahl also. Nulla salus extra amorem. Liebe aber widersteht dem Tod. Mit Leichtigkeit. Er besiegt sie nicht. Niemals. Kann sie gar nicht besiegen. Dazu fehlt im die Kraft. Sie aber ermattet nicht und erlahmt nicht. Sie wird nicht müde. Und sie gibt auch nicht auf. Sie geht einfach nur weg. So wie die Glut erkaltet. Ohne Grund, Erklärung oder Anlass. Sie geht einfach. Wie Frauen eben gehen. Erst dann hat er eine Chance.

Wie aber, fragst Du – langsam ungeduldig werdend über diese stetigen Abschweifungen –, wie stehen denn nun Liebe und Sehnsucht zueinander, wenn Liebe nicht der Sehnsucht Erfüllung sein kann, sie zudem weder Beistand noch Trost bietet, ja nicht einmal von ihr hervorgerufen wird? Das weiss ich nicht, meine Teuerste. Aber vielleicht stellen wir ja die Frage falsch. Vielleicht sind sie ja dasselbe. Vielleicht heissen wir unsere Sehnsucht nur Liebe, wenn uns bewusst wird, dass die Glut in uns noch nicht erkaltet ist. Liebe wäre also Ausdruck unserer Sehnsucht, wäre ihre Konkretisierung, ihre Fokussierung. Und Sehnsucht wäre kein Zeichen eines Mangels. Vielmehr würde das Fehlen von Sehnsucht die Absenz der Liebe anzeigen. Könnte das wohl sein?

Vielleicht erlaubst Du mir ein Beispiel? Im Song Three Wishes von Roger Waters klingt das so:

There’s something in the air
And you don’t know what it is
You see someone through a window
Who you’ve just learned to miss
And the road leads on to glory but
You’ve used up your last wish
Your last wish

Aber gib Acht! Liest man das, könnte man auf die Idee verfallen, es gäbe einen Ausweg. Wenn wir nur vorsichtig genug sind. Das aber geht fehl. Die drei Wünsche, die uns gewährt werden (oder wie viele es immer auch seien), gewährt von einem Zauberer oder (eher wohl) von einer Zauberin, diese Wünsche sind immer schon aufgebraucht. So scheint es jedenfalls. Wir brauchen sie auf, in unserer Kindheit, unserer Jugend, für Nichtigkeiten. Hinterher wissen wir natürlich, wofür wir sie hätten aufsparen sollen. Und manche tun das auch. Sie sterben mit ihren Wünschen wohlverwahrt. Ohne auch nur einen einzigen davon eingelöst zu haben. Allein, das Ergebnis bleibt sich allemal gleich. Auch sie wissen erst hinterher, wofür sie ihre Wünsche hätten einsetzen sollen.

In der Grammatik heisst das treffend Irrealis.

Hootchie Koo

Wilhelm Busch hatte im Julchen gedichtet

Einszweidrei, im Sauseschritt
Läuft die Zeit; wir laufen mit. –

Und für diejenigen, die nicht lesen, hat es Titiyo, die Schwester von Neneh und Eagle-Eye Cherry, in ihrem Song “Come Along” nochmals wiederholt:

Time flies, make a statement, take a stand
Time flies, take your chance

Heute würde man wohl kurz YOLO sagen.

Einer meiner Lieblings-Songs ist Rock and Roll, Hootchie Koo (manchmal auch Rock ‘n’ Roll, und manchmal auch Coo statt Koo), eine recht unverhohlenen Hommage an den Sex (I hope ya’ll know what I’m talkin’ about … Gettin’ high all the time, but if you’re not there too / Come on little closer, gonna do it to you), geschrieben von Rick Derringer, der bei Johnny Winter und seinen White Trash spielte (Johnny und Edgar waren zwei Albino-Brüder, die einst jeder kannte). Der Song ist vielfach aufgenommen worden, u.a. von Van Halen und es gibt dazu auf YouTube sogar Anleitungen (hier oder hier), wie man die Gitarren-Riffs spielen muss (ach ja, die Zeit fliegt. Gitarren sind ja out). Hier das Original (Derringer mit Winter; die Haare und Kleider sind der Hammer). Mein Favorit ist aber von Stretch und hier zu finden.

Letzte Woche ist Johnny Winter gestorben. Frag mich danach, wo. In einem Hotel in Bülach. Sic transit.

Verschäumt

Nach dem wahrscheinlich durch Raketenbeschuss verursachten Absturz eines malaysischen Verkehrsflugzeugs (MH 17, Amsterdam – Kuala Lumpur) im Osten der Ukraine rufen nicht nur der mögliche Abschuss des Flugzeugs an sich (dessen 298 Insassen, davon 193 niederländische Staatsbürger) alle zu Tode kamen), allenthalben Trauer und Empörung hervor, sondern auch das, was nach dem Absturz in einem einigermassen abgelegenen, nun aber zwischen ukrainischer Armee und sog. pro-russischen Separatisten umkämpften Landstrich vor sich ging, also die völlig unzureichende Bewachung des Absturzortes, der Umstand, dass OSZE-Beobachter nur sehr selektiv, andere Personen dagegen weitgehend ungehindert Zugang zum Absturzgebiet erhielten, das Risiko, dass eine Aufklärung des Vorfalls durch Manipulationen an der Absturzsstelle behindert werde könnte, der schleppende Fortgang der Bergung der Toten, der aus der Ferne als unprofessionell und pietätlos wahrgenommene Umgang mit ihnen und ihren persönlichen Gegenständen, etc. Sehr eindrücklich dazu die Rede des niederländischen Aussenministers Frans Timmermans vor dem UN-Sicherheitsrat.

Und nun enthüllt auch noch 20 Minuten in einem Ticker zu den Ereignissen Verstörendes über den Abtransport der Toten mit einem Zug mit Kühlwagen, insbesondere zur Art und Weise der Versiegelung der Bahnwagen …

Bauchschaum

Die Geschwister Liebe und Leid

Wir hatten eben über die Gleichgültigkeit des Meeres und das Nebenher des Leides gesprochen und dabei behauptet, dass die Liebe in einem notwendigen Bezug zum Leid stehe, dass die beiden Zwillingsschwestern seien. Ich will das kurz ausführen.

Vorweg nochmals: Nein, das ist nicht darin begründet, dass Liebe zwingend unglücklich sein muss, sie immer Leid bereiten müsste, auch wenn sie es häufig tut. Es geht viel tiefer. Wie nämlich könntest Du wissen, dass es Liebe ist, nicht nur Zuneigung, Wohlwollen, Sympathie oder gar blosser Zeitvertreib und Vergnügen? Woran vermöchtest Du das zu erkennen? Natürlich an der Totalität, ihrem allumfassenden, alles durchdringenden Charakter, nicht? Einverstanden.

Was aber bedeutet das? Fühlst Du Dich nicht unvollständig ohne die Geliebte. Fehlt sie Dir nicht? Jede Sekunde? Obwohl sie in Dir ist, in jeder Faser, jedem Gedanken? Musst Du Dich nicht zusammenreissen, um sie nicht zu erdrücken? Sorgst Du Dich nicht um sie? Und weisst Du nicht, dass Deine Sorge bei Dir bleiben muss, weil jedes Wesen Fehler machen darf und muss. Weil es nichts zu beschützen gibt, nur zu helfen. Und auch dies nur, wenn Du gerufen wirst. Meist ist dieser Ruf stumm. Höchstens die Augen stöhnen, so laut sie eben können. Auch dies indes nur, solange wir noch an die Liebe glauben und hoffen (danach tragen selbst die Augen eine Rüstung). Totalität also ist selbst schmerzhaft. Natürlich.

Noch deutlicher aber wird die Verwandtschaft von Liebe und Leid dort, wo man Dich leiden macht, Dir weh tut. Wohlwollen, Sympathie, Zeitvertreib, Vergnügen verschwinden dann schnell. Nicht so die Liebe. Erträgst Du, dass Dich die Geliebte leiden macht? Natürlich. Mindert es Deine Liebe? Natürlich nicht. Im Gegenteil, Du wirst Entschuldigungen suchen (und natürlich auch finden), Du wirst eher Dir und Deiner Liebe die Schuld geben als ihr. Denn wir lieben im anderen nicht, was er ist, sondern was er sein könnte. Wir lieben seine Potentialität. Deshalb lässt die Liebe einen wachsen. Kaum etwas, was ein geliebter Mensch nicht erreichen kann, wenn wir, die ihn lieben, Kraft genug haben, nicht an ihm zu zweifeln, d.h. unserem Gefühl zu vertrauen statt unserem (stets zweifelnden und zögernden) Verstand.

Liebe ist also nicht nur unumgänglich, wenn wir dem Tod widerstehen wollen. Wir sind auch nicht angekommen, solange es nicht weh tut.

Gott liebt das Meer

Wir hatten von Scarlattis Sonate K87 gesprochen und der irritierenden Erkenntnis, dass Leiden immer nebenher geschieht. Dass überhaupt Leid existiert, dass es sich nicht verhindern und kaum lindern lässt, ist schwer erträglich.


Wenn die bestmögliche Schöpfung nur die best­mög­li­che ist und unvermeidlich Übel einschließt, warum hat Gott das Schaffen dann nicht bleiben lassen?

Odo Marquard: Entlastungen. Theodizeemotive in der neuzeitlichen Phi­lo­sophie – in: Apologie des Zufälligen. Philosophie Studien. Stuttgart: Rec­lam 1987, 17


Leid aber ist unsere einzige stabile und zuverlässig Verbindung mit der Welt, unsere einzige Gewissheit. Denn der Tod, der doch so gewiss und mächtig scheint, ist ein Schwächling, vermag nichts, aber gar nichts gegen die Liebe. (Deshalb unsere Verpflichtung zur Liebe, solange wir dem Leben nicht den Rücken kehren. Hören wir aber auf zu lieben, so sind wir bereits tot, auch wenn wir es nicht immer bemerken.) Auch ist der scheinbar so allmächtige Tod manchmal einfach nicht da, schläft oder ruht sich aus, oder ist anderweitig beschäftigt. Und in diesen seltenen und kurzen Momenten sind wir tatsächlich unsterblich. An sie erinnern wir uns ein ganzes Leben lang.

Leid aber ist immer da, lässt sich nicht besiegen, nur lindern, wenn überhaupt. Unsere einzige Alternative zum Tod ist die Liebe, in der Liebe aber ist der Schmerz zuhause. Liebe muss nicht notwendig unglücklich sein, häufig aber ist sie es, zumindest wenn sie gross ist, da sie so überhaupt nicht in unsere kleine Zwergenwelt passt. Nicht weil sie selbst unglücklich macht, sondern weil sie unsere Verletzlichkeit steigert, denn nicht nur wir selbst sind dem Schmerz zugänglich (dagegen haben wir im Verlaufe der Jahre gelernt, uns einigermassen zu wappnen), sondern auch und vor allem das Geliebte, hier aber sind wir macht- und wehrlos. Und wie viel schwerer als selbst zu leiden, ist es doch, das Geliebte leiden zu sehen (ja, ja, ich weiss: Brel. Kommt gleich). Dass aber das Leid eine Nebensache sein sollte, selbst das Leid unseres Geliebten, ist nicht wirklich zu ertragen.

liebesgedicht

gleichgültig bleibt dem meer
der fischer der darin ertrinkt
dessen frau und freunde
die unbestellten felder
wie der weizen der verdirbt
die fortan vaterlosen kinder
wie der schmerz der zurückbleibenden
ob der sterbende zu überleben sucht
sich seinem schicksal weich ergibt
oder stille tränen weint
seine dumpfe klage ebenso wie
stummes beten wuterfülltes schrei’n
ob der tod in scharfer mittagssonne
sich erhebt in neblichten morgenstunden
oder weichem abendlichte
gott liebt den sturm der stille
und das meer

Gibt es keinen Ausweg? Natürlich! Den Tod. Und die Liebe? Du hast doch gesagt, die Liebe vermag alles, sogar den Tod zu besiegen. Ist die Liebe ein Ausweg? Natürlich nicht! Liebe ist die siamesische Zwillings-Schwester des Schmerzes, sich einer zu verschliessen, heisst sich auch der anderen zu verschliessen (dazu ein anderes Mal). Wie konnte ich nur vergessen, was ich offenbar vor langer Zeit schon wusste.


Ach ja, der versprochene Hinweis: Jacques Brel, Voir un ami pleurer:

Samael

Und wenn wir schon bei Engeln und Dämonen sind, so sei auch Samael erwähnt, ein Erzengel oder Dämon (man ist sich nicht einig, ob er gut ist oder schlecht), der Engel des Todes, der im siebten Himmel wohnt, aber Herrscher des fünften Himmels ist, wo er über zwei Millionen Engel gebietet, nach dem Talmud – wie sinnig für den Fürsten der Dunkelheit – auch er blind.

wer wird mich halten

Ich fuhr nach schwerem Tag
über Land durchs Paradies
mich auszuruh’n.
Der Mond stand tief,
die Engel schliefen,
die Erde aber roch nach Liebe und nach Ewigkeit
als der Himmel mir gefror.

Wer wird mich halten, wenn ich falle,
in dieser milden Mainacht,
wer meine Augen schliessen, wenn das Licht versinkt
im Geruch von frisch geschnitt’nem Gras,
wenn sanft die Nacht sich auf mein Blut legt, es durchdringt,
das Blut, das ich verrate mannigfach,
das sich verbissen wehrt und doch ermüdet
nach und nach.

Wer wird mich schützen jetzt,
vor Dir,
wer wird ihn schützen jetzt,
vor mir,
wer wird mich schützen
vor mir.

Ein später Jogger rennt die Strasse lang.
Eine Katze auf Mäusejagd wartet vergeblich auf ihr Opfer.

Der Henker und sein Gebet

Was tut einer, wenn er sich in der Welt verliert? Was tut er, wenn er sich im Leben verliert? Oder in sich selbst? Oder in der Liebe? Spricht er stumm den Hirtenpsalm (Psalm 23):

Der Herr ist mein Hirte,
mir wird nichts mangeln.
ER weidet mich auf grünen Aue
und führet mich zum frischen Wasser.
ER erquicket meine Seele.
ER führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.
Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück,
denn DU bist bei mir,
dein Stecken und Stab trösten mich.
DU bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.
DU salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.
Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,
und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.

Natürlich tut er das. Doch hilft ihm das nicht wirklich. Zumindest nicht länger als das Aufsagen des Psalmes dauert. Und danach? Was tut er, wenn er in die Gaskammer eintritt? Er betet das Schma Jisrael. So wurde es jedenfalls berichtet. Doch scheint auch dies nichts anderes bewirkt zu haben als der Hirtenpsalm. Was tut einer, wenn er seinem Henker entgegentritt (das ist ja nicht selten er selbst)? Grüsst er ihn? Vielleicht. Freundlich? Möglicherweise. Immer aber stumm. Und er betet. Natürlich. Auch er. Sein hoffentlich eigenes Gebet:

gib herr
dass dieser böse traum
sein ende finden mag
bald lass die kühle nacht
auf meine lider sinken
der verbrannten stadt
gewähre das vergessen
nicht trost und keinen kuss
erlaube dieser stunde
nur einen dunklen fluss
in dem kein stern sich spiegelt und
ganz weit
den schrei der eule
die dem nahen licht zu weichen
sich erhebt zum flug

Bevor er verstummt. Endgültig:

                           I never suspected the way of truth
Was a way of silence where affectionate chat
Is but a robbers’ ambush and even good music
In shocking taste; and you, of course, never told me. (Auden)

Dann aber spannt die Seele weit ihre Flügel aus und fliegt durch stille Lande, als flöge sie nach Haus. (Eichendorff)