Category: Die Worthülse

Dienstleistung … und Schwarmintelligenz

Viele Blogs etc. werden neuerdings mit Wortwolken verziert (warum dieser hier eigentlich nicht …?), in denen nach geheimnisvollen Algorithmen ermittelte angeblich in engem Zusammenhang oder zumindest häufig in der Nähe stehende Termini häufig auch noch dekorativ in unterschiedlichen Farben und Schriftgrössen gruppiert werden. Falls man einmal nicht weiss, was man sagen, denken oder assoziieren soll, hier findet man die nötigen Anregungen. Kleine Landkarten des Geisteslebens sozusagen. Da auch mit Häufigkeiten operierend: Des Geisteslebens vieler. Ein Geisterschwarm!

Auch der altehrwürdige Duden verschliesst sich dem nicht und bietet passende Adjektive, Verben und Substantive zu den aufgeführten Termini an. Das versaute Ding.Dienstleistung

Suizid, Statistik, kennen und schweigen

Anlässlich des Freitodes eines Managers in einem Kästchen zu einem Artikel über den Fall wird Thomas Reisch, Psychologe und leitender Arzt an der Universitätsklinik in Bern im Blick zitiert:

 In Studien zeige sich, dass über 90 Prozent der Menschen, die einen Suizid-Versuch überlebt haben, ihre Tat bereuen.

Für etwas, was der Psychologe nicht sagt, braucht es wahrscheinlich nicht einmal eine sehr vertiefte Studie:

0 Prozent der Menschen, die einen Suizid erfolgreich durchgeführt haben, bereuen ihre Tat.

Das wäre doch einmal eine Schlagzeile wert.

Ergreifend auch der Titel des Artikels:

Keiner kannte ihn wirklich

Wie ungewöhnlich. Sonst wird ja gemeinhin jeder wirklich gekannt von irgendwem.

Gemäss selbigem Artikel reagiert das Unternehmen des Toten (es handelt sich nota bene um ein Unternehmen der Telekommunikationsbranche) übrigens einigermassen branchenuntypisch: Mit einer Schweigeminute!

Tätliche Person

Tätlich meint laut Duden (und allgemeinem Sprachgebrauch) “körperliche Gewalt einsetzend; handgreiflich”. Das aber meint der Begriff der “tätlichen Person” gerade nicht. Vielmehr bezeichnet er ganz allgemein den Täter (oder die Täterin), nur dass eben – wie bei der grauslichen “Lehrperson” – Geschlechtsneutralität geheuchelt wird. Geheuchelt deshalb, weil es eben keine geschlechtsneutralen Menschen gibt, und gäbe es sie, dann nur ganz temporär, würde die Menschheit doch geschlechtsneutral aussterben. Dass die grosse Mehrheit der “Lehrpersonen” heute weiblich ist, könnte einen Zusammenhang haben mit der Tatsache, dass Jungen auf allen Stufen aus der Schule fallen und das Schulsystem weitgehend als Buben-Aussonderungs-System funktioniert. Selbst wenn es aber nicht die Frauenquote der Unterrichtenden wäre, die den Ausschlag gibt, so hätten wir – nichtsdestotrotz (was für ein phantastisches Wort) – einen Geschlechterbias in unserem Schulsystem. Nicht zuletzt bei der universitären Juristenausbildung, müsste man eigentlich von Juristinnenausbildung sprechen, denn die grosse Mehrheit der Studierpersonen ist inzwischen weiblich.

Im Bereich der Kriminalität ist das Bestreben um Geschlechtsneutralität nun besonders irr, weil Kriminalität ein essentiell männliches Phänomen ist. Entweder es stimmt etwas nicht mit der Emanzipation, oder mit der Geschlechtsneutralität, denn die einst in Aussicht gestellte Angleichung der Kriminalitätsquoten der Geschlechter lässt nach wie vor auf sich warten. Und sperrte man alle Männer ein, so existierte auch praktisch keine Kriminalität mehr, jedenfalls keine schwere. Oh, pardon. Das sollte natürlich umgekehrt heissen: Sperrte man alle tätlichen Personen weg, wären damit auch praktisch alle Personen männlichen Geschlechts im Gefängnis.

Vielleicht sollten wir die Unterschiede zugeben (statt sie sprachlich einzuebnen) und dann danach zu fragen, warum sie denn bestehen. Vielleicht könnten wir ja dergestalt nicht nur etwas über Kriminalität, sondern gar noch etwas über die Geschlechter lernen.

Wasser und Konsumentenschutz

Gerade in heissen Sommertagen bedarf wohl keiner näheren Erklärung, wie wichtig Wasser für uns alle ist. Damit wir uns an diesem Quell allen Lebens auch unbeschwert und wohlinformiert laben können, werden uns auf im Handel feilgebotenen Wasserflaschen verschiedene nützliche Informationen gegeben.

Auf den Flaschen einer niederländischen Supermarktkette ist etwa folgendes zu lesen:

Wasser_AH

Dieses natürliche, leicht sprudelnde Mineralwasser von Albert Heijn ist für allerlei Allergiker geeignet, denn es ist sowohl milchfrei als auch glutenfrei! Na dann wohl bekomm’s! Am Ende wären die ja glatt alle vor Angst verdurstet, weil sie nicht herausbekommen hätten, dass dieses Wasser weder Milch noch Gluten enthält.

Etwas irreführend wie immer die Kalorienangaben: Da verkaufen die Flaschen zu 0,5 Liter, schreiben dann aber drauf, wieviele Kalorien ein Glas (200 ml) hat. Das ist doch völlig unrealistisch, denn wer kauft schon eine Flasche Wasser und trinkt dann nur ein Glas davon? Eben!

“Ein Glas Wasser (200 ml) enthält 0 Kcal”.

Doch auch beim Wassergenuss hüte man sich vor überhöhten Erwartungen. In Portugal wird hier wirkungsvoll vorgebeugt:

Wasser_Pingo

Hä? Also noch etwas grösser:

Pingo2

Nur falls jemand auf die Idee käme, hier eine Art Zimmerwasserfall zu erwerben oder auf der anderen Seite befürchtet, beim Öffnen der Flasche nasse Füsse zu bekommen: Der Wasserfall ist nur eine Art “Serviervorschlag” für das Quellwasser von “Pingo Doce”. Man nehme einen lauschig bemoosten Felsen und ca. 700 Flaschen Mineralwasser pro Minute. Wahrscheinlich möchte man uns damit auch signalisieren, dass das Wasser in der Flasche möglicherweise jetzt nicht genau das Wasser auf dem Bild ist.

Dafür fehlt allerdings der Allergikerhinweis. Müssen wir uns nun etwa Sorgen um den Flüssigkeitshaushalt all der laktose- und glutenintoleranten Portugiesen machen? Über die Kalorien lassen die Portugiesen die Konsumenten ebenfalls um Unklaren, und das, obwohl diese Flasche sogar 1,5 Liter Wasser fasst.

Win-Win bereits im 18. Jahrhundert

Der Win-Win-Pudel erinnert an einen berühmten Vorschlag von Jonathan Swift (1667–1745), nämlich Seine 1729 erschienene Schrift: A Modest Proposal: For Preventing the Children of Poor People in Ireland from Being a Burden to Their Parents or Country, and for Making Them Beneficial to the Publick, dass zur Linderung der Armut in Irland die armen Eltern ihre ohnehin verhundernden Kinder aufessen könnten, sodass denen ein mieserables Leben erspart und sie gleichzeitig eine gesellschaftlich sinnvolle Funktion erfüllen könnten, statt nur sinnlos zu leben und anderen auf der Tasche zu liegen.

Der nur wenige Seiten lange Text ist hier im PDF herunterladbar.

Man sieht, Win-Win bereits vor langer Zeit, nur hat man sich nicht so enerviert wie bei Ratten.

Win-Win

“Win-Lose” und “Lose-Win” und erst recht “Lose-Lose” werden gegenüber “Win-Win” im allgemeinen Sprachgebrauch deutlich benachteiligt. Dabei ist es hier, wie mit “derselben schlechten Schenke” Heines: Wenn man lange genug wartet, gleicht sich alles aus: Win-Win, oder eben Lose-Lose, je nach Standpunkt.

“Die Bösen werden immer bestraft,” hatte Flaubert noch ganz jung gesagt und dann hinzugefügt: “und die Guten auch”.

Ratten als Pudel? Win-Win

Es ist nicht wirklich unglaublich. Ein Betrug in Buenos Aires erheitert auch unsere Gemüter. Kein Wunder spricht man vom globalen Dorf, auch wenn man wohl eher vom globalen Dörfler sprechen müsste.

Der Berliner Kurier, eine durchaus glaubwürdige Qualitätszeitung, berichtet, dass einem Rentner Ratten als Pudelwelpen verkauft wurden. Siehe Bild:

22329786,18939279,highRes,maxh,480,maxw,480,21719

Die Aufregung ist verfehlt, meinen wir. Mit diesem Vorgehen wird doch nicht nur das Rattenproblem (die Rattenplage in Buenos Aires macht keine Schlagzeilen!), sondern gleichzeitig auch die Einsamkeit der Rentner gelindert.

Eine Win-Win-Situation!

Scorerpunkt

Scorerpunkt im Gegensatz zu Basispunkt, Massenpunkt, Diskussionspunkt oder Kontrapunkt.

Im Gegensatz auch zu Playerpunkten, Audiencepunkten, Trainerpunkten, Fighterpunkten oder Dancerpunkten (diese wiederum im Gegensatz zu Dancing Punkten).

Menschliche Ethik

Glencore scheint nicht gerade das Unternehmen der Herzen zu sein:

Der Rohstoffriese Glencore wird erneut mit einem Schmähpreis eingedeckt. Die Stiftung Ethik & Ökonomie (ethecon) vergibt den «Black Planet Award» an die Verantwortlichen des Konzerns für ihre «erschreckende Missachtung und Verletzung menschlicher Ethik».

http://www.aargauerzeitung.ch/wirtschaft/rohstoff-multi-glencore-erhaelt-weiteren-schmaehpreis-126567685 ; näheres unter http://www.ethecon.org/de/1656

“Bei dem „Black Planet Award“ handelt es sich um einen industriell aus Plastik unter ausbeuterischen und umweltfeindlichen Bedingungen hergestellten Globus, der schwarz angesprüht wurde. Die künstlerische Verfremdung ist bewusst nicht von dem Künstler, der den jährlichen Positiv-Preis schafft, von Otto Piene, vorgenommen, sondern von einem Jugendlichen. Damit wird vermeiden, dass mit dem „Black Planet Award“ ein Kunstwerk von Wert entsteht”

http://www.ethecon.org/de/295

Geraten wir da nicht in ein ethisches Dilemma? Kann “ethecon” es wirklich verantworten, einen unter umweltfeindlichen Bedingungen hergestellten Plastikglobus als Preis zu verleihen? Wird damit nicht irgendwo die Nachfrage nach Plastikgloben angeheizt? Knallen da nicht irgendwo die Korken bei Glencore? Und für den Jugendlichen ist es ja eigentlich auch nicht gerade schön: “Ja mach ma’, wenn Du das machst, wird das nämlich NIE UND NIMMER etwas Wertvolles.”

Aber Glencore hat es ja nicht anders verdient, denn das Unternehmen hat die menschliche Ethik (und nicht etwa die von Tieren oder anorganischem Material) nicht nur missachtet, sondern auch verletzt. Da liegt sie nun darnieder, die arme menschliche Ethik. Ganz anders als etwa die Ethik von Gummibäumen, Trauerfliegen oder Pantoffeltierchen. Da läuft jetzt sicher irgendwo etwas raus, wo es eigentlich nicht sollte. Ethiksekret aus Ethikverletzungen.

Der Preis scheint seine Wirkung aber nicht zu verfehlen: Der Handel mit Glencore-Aktion an der Börse von Hongkong wurde schon ausgesetzt!

glencore_shares