wie Frauen eben sterben im Krieg

Die Söldner waren hungriger als üblich, und sie hatten noch mehr getrunken. Lange schon hatten sie keine Stadt betreten, die ihnen so viel bot. Die alte Luise, die tief geschlafen und diesmal keine Vorahnung gehabt hatte, starb in ihrem Bett. Der Pfarrer starb, als er sich schützend vors Kirchenportal stellte. Lise Schoch starb, als sie versuchte, Goldmünzen zu verstecken, der Bäcker und der Schmied und der alte Lembke und Moritz Blatt und die meisten anderen Männer starben, als sie versuchten, ihre Frauen zu schützen, und die Frauen starben, wie Frauen eben sterben im Krieg.

Daniel Kehlmann: Tyll, Rowohlt 2017, 27 f.

In memoriam Dr. K. H. G.

“Hölderlin ist Ihnen unbekannt?”, fragte Dr. K. H. G., während er die Grube für den Pferdekadaver aushob.
“Wer war das?”, fragte der deutsche Wächter.
“Der den Hyperion geschrieben hat. Die grösste Gestalt der deutschen Romantik”, erklärte Dr. K. H. G. Er liebte es sehr, zu erklären. “Und zum Beispiel Heine?”
“Was sind das für welche?”, fragte der Wächter.
“Dichter”, sagte Dr. K. H. G.. “Aber Schillers Namen werden Sie wohl kennen?”
“Doch, den kenne ich”, sagte der deutsche Wächter.
“Und Rilke?”
“Den auch”, sagte der deutsche Wächter und wurde puterrot und erschoss Dr. K. H. G.

aus: István Örkény: Minutennovellen, BS 1358, Frankfurt/M 2002, 38

Autodafé als Protest gegen Bücherverbot

Auch lustig

Artist is Creating a Parthenon Made of 100,000 Banned Books: A Monument to Democracy & Intellectual Freedom

Die Künstlerin baut einen Parthenon aus 100’000 verbotenen Büchern. Die Bücher werden dabei natürlich zerstört. Die Künstlerin zerstört also mit ihrem Kunstwerk genau die Bücher, gegen deren Unterdrückung sie protestieren möchte. Leuchtet ein.

Ein wahrhaftiges Monument der Demokratie und geistigen Freiheit.

Kindheit

Jeder bekommt seine Kindheit über den Kopf gestülpt wie einen Eimer. Später erst zeigt sich, was darin war. Aber ein ganzes Leben lang rinnt das an uns herunter, da mag einer die Kleider oder auch Kostüme wechseln wie er will.

Heimito von Doderer, Ein Mord den jeder begeht, 2008 [1938], 5.

Potenzialität und Wirklichkeit

Ich wählte ihre Handynummer. “Jetti, wo bist Du?”
“In Prag bin ich, im Hotel. Wo bist du?”
“Ich bin in München, auch im Hotel. Ich würde gern bei dir sein.”
“Ich würde auch gern bei dir sein.”
“Es war eine grosse Liebe.”
“Es war eine grosse Liebe.
Die Rettung fuhr draussen vorbei. Jetti und ich, keine hundert Meter voneinander entfernt, hörten das Martinshorn auf der Strasse und im Hörer.
“Wenn wir beide zu Hause wären”, sagte ich, “dann würde ich zu dir kommen.”
“Das wäre schön.”, sagte Jetti.

Michael Köhlmeier, Die schöne Jetti,
Erzählung aus:  Nachts um eins am Telefon, Wien 2005

Versprechen

“Du kennst Geschichten, die trösten. Erzähl mir eine Fahrradgeschichte, die mich trösten kann.”
“Was bekomme ich dafür?”
“Ich schick dir Gift, wenn du welches brauchst.”

Michael Köhlmeier, Die Hälfte der Gedanken,
Erzählung aus:  Nachts um eins am Telefon, Wien 2005

Treue

Um vier stand ich auf, tippte die Vorwahlnummer von Marburg an der Lahn ins Telefon und dann fünf beliebige Ziffern.
Eine Frauenstimme meldete sich, ausgeschlafen wie der helle Mittag.
Ich sagte: “Ihre Nummer ist mir zufällig in die Finger gerutscht. Ich möchte mit jemandem sprechen, der in Marburg lebt, weil ich selbst vor vielen Jahren dort gelebt habe.”
Sie räusperte sich wie eine Therapeutin. “Sind Sie schlaflos?”
“Ja”, sagte ich.
“Wundern Sie sich nicht, dass ich so schnell abgehoben hab?+
“Doch.”
“Ich bin auch schlaflos. Ich warte auf meinen Mann.”
“Betrügt er Sie?”
“Gestern”, sagte sie, “war mein Sohn bei mir. Er ist seit einem Jahr verheiratet und betrügt bereits seine Frau. Er setzte sich zu mir in die Küche, bei halbem Licht kann er plötzlich aussehen wie ein Fremder. Er fragte mich, ob sein Vater mich betrügt. Ich sagte: Nein. Da hat er gegrinst. Als wären die beiden schon oft genug gemeinsam auf Tour gewesen.”

Michael Köhlmeier, Die Republik der Schlaflosen,
Erzählung aus: Nachts um eins am Telefon, Wien 2005

Zeit und Weh

“Die Zeit hat uns gar nichts anzugehen”, konterte er, und auch er spielte Bitterkeit. “Es bringt nichts, über sie nachzudenken. Sie bewegt sich deswegen nicht langsamer. Wenn Beweglichkeit überhaupt eine ihrer Eigenschaften ist. Alles, was zurückliegt, geschieht jetzt. Im Augenblick. Licht von einem fernen Stern. Was mir vor fünfunddreissig Jahren sehr wehgetan hat, warum sollte mir das heute nicht mehr wehtun?”

Michael Köhlmeier, Von alten Fotografien,
Erzählung aus:  Roman von Montag bis Freitag,  38 Stories, Wien 2004.

Verträge

Ein Vertrag ist die Antizipation eines Scheiterns. Ich vertraue meinem Partner nicht für alle Zeit. Und: Ich vertraue mir selbst nicht für alle Zeit.

[…]

Der, der ich jetzt bin, erhebt sich über den, der ich vielleicht eines Tages sein werde, und erinnert ihn daran, was er einst für richtig erachtet hat. Wobei es ja durchaus sein könnte, dass der, der ich sein werde, klüger ist als der, der ich bin. So gesehen ist ein Vertrag ein Ding wider die Vernunft.

Michael Köhlmeier, Über Verträge,
Erzählung aus:  Roman von Montag bis Freitag,  38 Stories, Wien 2004.

Sinn und Zweck

Dort, wo es zum Flugplatz geht, lebte ein Mann, der hiess Walkner, seinen Vornamen weiss ich nicht. Er war Maurer, und er hatte für niemanden zu sorgen, er hatte keine Frau und keine Kinder, nur einen Cousin, der war ebenfalls Maurer. Walkner war Hilfsarbeiter, und als seine Eltern starben, erbte er einen schmalen Streifen Acker, der bald darauf zu Bauland erklärt wurde. Damit war der Wert des Grundstücks gestiegen, und weil es obendrein an einer Strassenkreuzung lag, die in den aufstrebenden Sechzigerjahren an Bedeutung gewann, traten immer wieder starke, finanzkräftige Männer an Walkner heran, sie wollten ihm sein Grundstück abkaufen und Wohnblocks darauf bauen. Sogar in der Gemeinde gab es Fraktionen, die ihn drängten, man nannte ihn einen Egoisten, weil er Boden besitze, den er nicht nutze. Tatsächlich nutze Walkner seinen Acker nicht. Er baute weder etwas an, noch pflegte er das Gras, das dort wild wuchs. Er setzte sich manchmal sonntags unter einen Baum und rauchte seine Zigaretten und trank seinen Most und grüsste den, der an seinem Grundstück vorüberging, auch wenn er selbst nicht gegrüsst wurde.

Michael Köhlmeier, Walkner,
Erzählung aus:  Roman von Montag bis Freitag,  38 Stories, Wien 2004.

Puritaner ärgern sich. Nutzlosigkeit ist nicht Sinnlosigkeit. Dass etwas keinen Zweck hat, kein Ziel, auf das es bezogen wird, entleert es nicht seiner Sinnhaftigkeit. Vielleicht hat gar nur Sinn, was keinen Zweck hat. Man kann das natürlich abwerten, indem man es Romantik nennt. Sicher aber ist, dass es der protestantischen Position widerstrebt.

Küssen

“Deine Frau und du”, sagte ich.
“Was meinst du?”, fragte er.
“Wie lange seid ihr verheiratet?”
“Dreiundzwanzig Jahre, schätze ich.”
“Schlaft ihr noch miteinander?”
“Klar”, sagte er. Und dann noch im Schweizer Dialekt, als ob er die Befugnis hatte, auch im Namen seiner Frau zu antworten: “Sicher, sicher.”
“Und küssen?”
“Hast du einen Vogel”, rief er.

Michael Köhlmeier, Der Ungar,
Erzählung aus:  Roman von Montag bis Freitag,  38 Stories, Wien 2004.

Über Risikoabwägung, Ehrverletzung und die Gewissheit alles besser zu wissen

Nehmen wir an, Sie sollen einen neuen Mitarbeiter anstellen. Sie sind Teil des leitenden und vollziehenden Organs einer Einrichtung für Lehre und Forschung. Bei der Auswahl des Mitarbeiters sind Sie nicht auf sich allein gestellt. Der entsprechende Fachbereich schlägt Ihnen eine geeignete Person vor. Sie entscheiden sich gegen den Vorschlag, schliesslich wissen Sie es ja besser.

Woher diese Gewissheit, es besser zu wissen? Eine Risikoabwägung. Nein, nein, nicht, dass Sie mich jetzt falsch verstehen. Die Person muss nicht grundsätzlich gefährlich sein. Aber eine Gefahr für den Ruf der Bildungseinrichtung könnte sie schon darstellen. Wie das mit diesen hinterhältigen Gefahren so ist.

Was für ein Risiko denn gemeint sei? Nun ja, nehmen wir beispielsweise den Fall Dominique Strauss-Kahn. Der könnte, obwohl fachlich kompetent, bei der Anstellung ein Risiko für den Ruf einer Universität darstellen. Sie kennen den Fall Dominique Strauss-Kahn nicht? Das ist doch derjenige mit der Vorliebe für unwanted consensual sex mit Hotelangestellten. Geht es bei Ihrem Bewerber etwa um Vergewaltigung? Nein, nein, es war nur ein Beispiel, um zu zeigen, dass es eben nicht nur auf die fachliche Kompetenz ankommt. Also eine andere Straftat? Nein, nein. Es geht lediglich um den Ruf der Universität. Ach so, der Ruf der Universität, nicht der des Bewerbers. Jetzt hab ich es verstanden. Den Ruf der Einrichtung schützen, indem man den Ruf des Bewerbers schädigt, klingt einleuchtend.

Käme der Bewerber jedoch auf die Idee, sich gegen die Ehrverletzung zur Wehr zu setzen, so müsste er wohl selbst eine begehen. Der arme Herr Strauss-Kahn möchte schliesslich auch nicht für alles herhalten.

Es ist eine schwierige Geschichte mit dieser Ehrverletzung; aber gut, dass Sie es besser wissen.