Allein oder nicht?

Auf meinem Weg nach Pisa, wurde ich vor diese Wahl gestellt.

Ich bin dann nach Aosta, allein bin ich ja schon.

Unselig die weinen

Es braucht nur wenig, eine Veränderung des Lichts, eine Wolke, den Anflug einer Melodie, ein strampelndes Insekt, einen Satz, eine Bemerkung oder einen Blick, und ich kämpfe mit den Tränen. Ein längst vergangener Moment ist wieder da, ein Gesicht, ein Blick, gleich Prousts Madeleine. Und dann zieht eines ein anderes mit sich. Und die Welt verschwimmt, versinkt in einem Nebel.

Ist das Traurigkeit? Ist es Depression? Ist es normal, will sagen: häufig? Geht es anderen auch so, dass nicht zu weinen, eine erhebliche Anstrengung verlangt? Eine Anstrengung, die aus Pflichtgefühl erbracht wird, wegen der Pflicht, glücklich zu sein. Und aus Scham. Oder ist es Verachtung?

4. Unselig der weint, denn er hat bereits die elende Gewohnheit des Weinens.
(J. L. Borges, Fragmente eines apokryphen Evangeliums)

Ist Traurigkeit, was die Physik «stabiles Gleichgewicht» nennt? Huxley schreibt einmal, dass sich das Böse von ganz alleine verwirkliche, ohne unser Zutun, alleine deshalb, weil wir es zulassen, während das Gute stets einen Einsatz von uns verlangt, stets bedingt, dass wir dafür kämpfen. Ist dies auf kollektiver Ebene dasselbe, das stabile Gleichgewicht? Ist es dies, was Friedrich Dürrenmatt (Die Physiker) meint, wenn er sagt, dass eine Geschichte erst zuende gedacht ist, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat?

Klugheit, Dummheit, Faulheit und Fleiss

Als er einmal gefragt wurde, unter welchen Gesichtspunkten er seine Offiziere beurteile, sagte er: «Ich unterscheide vier Arten. Es gibt kluge, fleissige, dumme und faule Offiziere. Meist treffen zwei Eigenschaften zusammen. Die einen sind klug und fleissig, die müssen in den Generalstab. Die nächsten sind dumm und faul, sie machen in jeder Armee 90% aus und sind für Routineaufgaben geeignet. Wer klug ist und gleichzeitig faul, qualifiziert sich für die höchsten Führungsaufgaben, denn er bingt die geistige Klarheit und die Nervenstärke für schwere Entscheidungen mit. Hüten muss man sich vor dem, der dumm und fleissig ist, dem darf man keine Verantwortung übertragen, denn er wird immer nur Unheil anrichten.»

H. M. Enzensberger, Hammerstein oder der Eigensinn,  Frankfurt 2008, 77 f.

Angst

Angst ist keine Weltanschauung.

H. M. Enzensberger, Hammerstein oder der Eigensinn,  Frankfurt 2008, 137

Vorschriften

Das Wort «Vorschriften sind für Dumme», womit er alle Durchschnittsmenschen meinte, stammte von ihm und war für ihn bezeichnend.

H. M. Enzensberger, Hammerstein oder der Eigensinn,  Frankfurt 2008, 75

Sollbruchstellen

Dass etwas in mir beschädigt ist, Risse hat, gebrochen ist, wird mir stets klar, wenn mich ein nachdenkliches oder trauriges Stück Musik (wie z.B. Sergey Akhunovs Psalm für Streichquartett) sofort zum Weinen bringt, selbst wenn ich an einem wunderschönen Morgen ausgeruht und fröhlich aufgestanden bin. Es ist, als ob die Musik direkt an Wunden rührt, von denen ich nur weiss, weil sie bei der Berührung zu schmerzen beginnen. Ohne diese Berührungen weiss ich nicht von ihrer Existenz, sind sie also nicht da.

Jeremy Bentham, ein furchtbarer englischer Jurist, und das Panoptikum

Wer weiß schon, was 
ein 
Panoptikum ist? Man braucht nur das Stichwort in die Suchmaske eingeben, schon wird man in die Irre geführt und auf einen Engländer namens Jeremy Bentham verwiesen. Das war ein furchtbarer englischer Jurist, der sich in seiner Freizeit ein ideales Gefängnis ausgedacht hat. Ein einziger Aufseher, der im 
Dunkeln sass, sollte möglichst viele Häftlinge überwachen. Solche Anstalten sind dann tatsächlich erbaut
 worden. Bald entdeckten scharf kalkulierende Unternehmer, dass diese ominöse Erfindung auch zur kostengünstigen und effizienten Organisation einer Fabrik dienen konnte.

Hans Magnus Enzensberger, Panoptikum. Zwanzig Zehn-Minuten-Essays, Berlin: Suhrkamp2012, 8

Bilder aus Konzentrationslagern

M. müsste lügen, wenn er behaupten wollte, dass er Mitleid mit den Opfern empfunden hätte; es ist schlimmer gewesen. Ihr Anblick habe ihn gewürgt. Dieses Gefühl erfasste den ganzen Körper, unwillkürlich und ohne Besinnung. Vor Ekel konnte er tagelang nichts mehr essen, und ganz hat ihn dieser Ekel nicht mehr verlassen.

Eine solche vormoralische Reaktion ist stärker als das vage Schuldgefühl, das man empfindet, weil man in eine Gesellschaft von Mördern hineingeboren wurde. Der Ekel ist eine asoziale Empfindung, frei von jeder nationalen oder intelligiblen Bestimmung; er schliesst den mit ein. Den er überwältigt, einfach deshalb, weil er derselben Spezies angehört.

Die Folgen dieses Schocks hielten lange an. M. konnte damals keinen Arzt mehr aufsuchen, ohne sich Gewissheit über sein Vorleben verschafft zu haben. Ebenso begegnete er jedem Richter, jedem Polizeibeamten und jedem Professor, der einer bestimmten Altersgruppe angehörte, mit einem chronischen Misstrauen. Dieser Argwohn erwies sich, wie nicht anders zu erwarten, in vielen Fällen als begründet. Je weiter er aber seine Nachforschungen trieb, je mehr Bücher er las und sich in Dokumentationen vertiefte, desto mehr drohte die Vergangenheit ihm zur Obsession zu werden. Erst nach geraumer Zeit ist ihm aufgegangen, dass er ganz ohne eigenes Zutun, auf nichts als auf glückliche Zufälle gestützt, immerzu auf die bessere, die richtige Seite geraten war. Zur Tatzeit war er einfach nicht alt genug, um in das Verbrechen verwickelt zu sein.

H. M. Enzensberger, Eine Handvoll Anekdoten, auch Opus incertum, Berlin 2018, 160 f.

Lehrer

Die Lernerfolge solcher Pädagogen ließen viel zu wünschen übrig. Aber die sogenannte Bildung ist ja nie der Hauptzweck der Schule gewesen. Das zeigt sich schon daran, dass der Lehrkörner bis heute drei oder vier Jahre damit zubringt, den Kindern Lesen und Schreiben, Addieren und Multiplizieren beizubringen. Fertigkeiten, die sich jedes normale Kind mühelos innerhalb von sechs Wochen aneignen kann. Der lange Zwangsaufenthalt in der Schule dient vielmehr dazu, die Grundregeln der Politik einzuüben, das Erproben von Machtverhältnissen, Intrigen, wechselnden Bündnissen, Kriegslisten und Kompromissen.

In diesem Zusammenhang nimmt das Wort Klassenkampf eine ganz andere Bedeutung an. Die mit ernster Miene ausgetragenen Auseinandersetzungen der Berufspolitiker erinnern jeden Aussenstehenden, der ein gutes Gedächtnis hat, an die Jahre, die er im Kindergarten oder in der Elementarschule zubrachte.

Insofern verfehlt die Kritik an den Lehrern den Kern der Sache. Die meisten dieser überforderten und bedauernswerten Leute ahnten ja kaum etwas von der Gruppendynamik unter den ihnen Anvertrauten, also von den entscheidenden Motiven der Sozialisation. Mit der Vermittlung ihrer bescheidenen Lehrstoffe beschäftigt und in chronischer Überschätzung ihrer Pädagogik wussten sie ebensowenig wie die Eltern von den grausamen und subtilen Prozessen, die sich Tag für Tag unter ihren Augen abspielten, und diese berufsbedingte Blindheit verlieh ihnen eine Art Unschuld, die selbst den übelsten unter ihnen kaum abzusprechen
 war.

H. M. Enzensberger, EIne Handvoll Anekdoten, auch Opus incertum, Berlin 2018, 124 f.

Not Waving but Drowning

Nobody heard him, the dead man,
But still he lay moaning:
I was much further out than you thought
And not waving but drowning.

 

Poor chap, he always loved larking
And now he’s dead
It must have been too cold for him his heart gave way,
They said.

 

Oh, no no no, it was too cold always
(Still the dead one lay moaning)
I was much too far out all my life
And not waving but drowning.

Stevie Smith

Nichts zu behüten

Der junge Mann
mit dem ich vorübergehend
die Wohnung teile –
ich sehe ihn kaum.

Nachts
kommt manchmal ein Anruf.

Diese überdrehte,
ängstliche
Stimme.

Misch Dich nicht ein,
sage ich mir.
Was auch immer geschieht:
es gibt nichts
zu behüten.

Rainer Malkowski, Was auch immer geschieht, Frankfurt 1986

Nettelbecks Prozesse

Ein phantastisches Buch mit phantastischen Berichten über Strafprozesse, und ihre Entlarvung.

In der mündlichen Urteilsbegründung reduzierte das Gericht die Tat des Eckart Mellentin auf das an ihr Feststellbare, den gemeinen Mord. Eckart Mellentin habe, um sich aus einer durchaus unangenehmen Situation zwischen zwei Frauen zu lösen, eine Frau getötet, die ihm lästig geworden sei, und ein Kind, das ihn gestört habe. Diese Tat stehe auf dem niedrigsten sittlichen Niveau. Es konnte nicht anders entscheiden. Das Strafgesetz ist nicht für einen, sondern für alle da. Nur trifft es eben immer einen Menschen, der keinem anderen gleicht, und richtet es stets über einen Fall, der ohne Beispiel ist.

Uwe Nettelback, Prozesse. Gerichtsbericht 1967-1969, Berlin 2015, 20.

Jedem, aber wirklich jedem sei das Buch empfohlen, nicht nur wegen der Berichte über die Kindermörder Jürgen Bartsch und Klaus Lehnert, oder über den Frankfurter Brandstifter-Prozess gegen Gudrun Ensslin, Andreas Baader, Thorwald Proll & Horst Söhnlein, die dannzumal noch niemand kannte, sondern wegen des wirklich aussergewöhnlichen Verständnisses dafür, was ein Strafprozess darstellt und was er mit den Beteiligten anstellt, und nicht zuletzt wegen der grossen Sprachkraft Nettelbecks, die ihresgleichen sucht.

Bedeutsames gehört uns nicht alleine

»Liebe Laura«, sagt Gaetano.

»Lieber Gaetano«, sagt Laura.

Gaetano haut Geld auf den Tisch. Viel zu viel. Nicht ein Viertel machen die Getränke aus. Nein, das ist es nicht.

»Ein Zimmer für uns zwei«, sagt er. »Das beste.«

»Es gibt keine guten«, sagt der Argentinier. Er hängt sich das Akkordeon über die Schultern und spielt diese traurige Musik. Die Finger finden die Tasten von ganz allein. Es ist ein Lied, das der Musikant selbst noch nie gehört hat.

Das ist das Paris von Signor Gaetano Bresci. Aber so etwas gehört nicht einem allein. Die Straßen der Nacht sind hell wie in Patterson der Tag. Vor allen Türen ist Licht. Die Straße reicht ins Zimmer. Das ist das Paris von Cavaliere Gaetano Bresci. Über die Treppe folgt er Donna Laura Casati. An den Schuhen klebt Sirup. Zimmer 8 ist das ihre. Laura öffnet ihr Kleid, noch ehe sie die Tür öffnet.

Michael Köhlmeier: Die Figur. Die Geschichte von Gaetano Bresci, Königsmörder,  München/Zürich: Piper 1986: 120 f.

Nochmals: Warum hast Du das getan?

»Wenn er dich schon nicht gefragt hat, ich frage uicn; warum Dist uu mit’ihm gegangen? Man verläßt nicht mit einem Fremden seine Familie, um sich lediglich eine Stadt anzusehen.«

»Wir haben uns nicht nur die Stadt angesehen. Als ich in Mailand sagte: Ich komme mit Ihnen, da dachte ich, ja, wahrscheinlich werde ich mit ihm schlafen, aber das war nicht der Grund, warum ich mitgegangen bin, es gibt keinen Grund, und am zweiten Abend in Paris hatten wir genug von der Stadt.«

Michael Köhlmeier: Die Figur. Die Geschichte von Gaetano Bresci, Königsmörder,  München/Zürich: Piper 1986: 116 f.

Warum hast Du das getan?

»In Paris muß er ja wohl gemerkt haben, daß du seinetwegen mitgefahren bist. Spätestens als ihr ein Doppelzimmer bestellt habt.«

»Warum hätten wir da noch darüber sprechen sollen«, sagte Laura. »Wenn man gemeinsam ein Zimmer nimmt, dann spielt es doch keine Rolle mehr, warum man es tut. Ich meine, dann weiß man warum.«

»Und wenn er dich gefragt hätte, warum du wirklich mit ihm gekommen bist – was hättest du dann geantwortet?«

»Es gibt keine Gründe. Was hätte er mich fragen 
sollen? Was hätte ich ihn fragen sollen?-Wir haben Bahnhof verlassen und waren in Paris. Wir waren erschöpft und verschwitzt. Er war seit Mailand nicht mehr aus seinen Kleidern gekommen, Er war unrasiert. Wir wollten uns waschen.«

Michael Köhlmeier: Die Figur. Die Geschichte von Gaetano Bresci, Königsmörder,  München/Zürich: Piper 1986: 113