Category: Führer der Unschlüssigen

Sehnsucht und Liebe

Kann man sich nach etwas sehnen, das man nicht kennt? Aber natürlich! Das erleben wir alle, wenn wir lieben. Plötzlich wissen wir, was wir immer vermisst haben, was uns immer gefehlt hat. Mit einem Mal sind wir allein (oder besser: werden uns bewusst, dass wir es sind). Mit einem Mal sind alle Regeln und Gewissheiten bedeutungslos, alle unsere kleinen gutbürgerlichen Mäuerchen und Zäunchen, die wir aufstellen, um uns an wenigstens Etwas halten zu können, erweisen sich als Spielzeug. Für Platon ist dieses Sehnen der eigentliche Urgrund der Liebe. Im Symposion (Gastmahl) beschreibt er bzw. lässt er Aristophanes beschreiben, wie die Menschen ursprünglich rund wie Kugeln waren, bis die Götter sie, um sie zu schwächen, in zwei Hälften schnitten und damit letztlich die Geschlechter schufen, die seither an ihrer Unvollständigkeit leiden und sich nach der verlorenen Ganzheit sehnen.

Ist Liebe also Erfüllung einer Sehnsucht? Kaum. Das hatte ich erst gedacht und es im ersten Anlauf auch bedenkenlos hingeschrieben, aber: Ach nein! Das ist leider ganz falsch, grundfalsch! Denn mit Erfüllung hat sie wohl wenig zu tun. So wenig gar, dass man fast sagen möchte, wo Erfüllung ist und deshalb unser Sehnen aufhört, zieht sich die Liebe sachte zurück. Aber hilft sie uns denn wenigstens in unserem Sehnen, fragst Du, ist sie Trost und Beistand? Ach, wie gerne würde ich das glauben, aber auch dies trifft wohl, wenn man genauer hinschaut, nicht zu.

Liebe scheint keine Reaktion auf unsere Sehnsucht, die dunkel und schwer, kaum fasslich in uns … schwelt hätte ich beinahe gesagt, denn wie von einem lodernden Feuer mit der Zeit nur noch die (natürlich viel heissere) Glut übrig bleibt, so scheint unsere Sehnsucht Überbleibsel eines Feuersturms, den wir überlebt haben. Liebe aber ist überhaupt keine Reaktion auf irgendetwas. Sie ist immer schon da. Wir können sie nur zulassen. Oder eben nicht. Und selbst dies ist nicht eigentlich wahr. Denn nur die Liebe vermag dem Tod Paroli zu bieten. Wir haben nichts anderes. Nicht wirklich eine Wahl also. Nulla salus extra amorem. Liebe aber widersteht dem Tod. Mit Leichtigkeit. Er besiegt sie nicht. Niemals. Kann sie gar nicht besiegen. Dazu fehlt im die Kraft. Sie aber ermattet nicht und erlahmt nicht. Sie wird nicht müde. Und sie gibt auch nicht auf. Sie geht einfach nur weg. So wie die Glut erkaltet. Ohne Grund, Erklärung oder Anlass. Sie geht einfach. Wie Frauen eben gehen. Erst dann hat er eine Chance.

Wie aber, fragst Du – langsam ungeduldig werdend über diese stetigen Abschweifungen –, wie stehen denn nun Liebe und Sehnsucht zueinander, wenn Liebe nicht der Sehnsucht Erfüllung sein kann, sie zudem weder Beistand noch Trost bietet, ja nicht einmal von ihr hervorgerufen wird? Das weiss ich nicht, meine Teuerste. Aber vielleicht stellen wir ja die Frage falsch. Vielleicht sind sie ja dasselbe. Vielleicht heissen wir unsere Sehnsucht nur Liebe, wenn uns bewusst wird, dass die Glut in uns noch nicht erkaltet ist. Liebe wäre also Ausdruck unserer Sehnsucht, wäre ihre Konkretisierung, ihre Fokussierung. Und Sehnsucht wäre kein Zeichen eines Mangels. Vielmehr würde das Fehlen von Sehnsucht die Absenz der Liebe anzeigen. Könnte das wohl sein?

Vielleicht erlaubst Du mir ein Beispiel? Im Song Three Wishes von Roger Waters klingt das so:

There’s something in the air
And you don’t know what it is
You see someone through a window
Who you’ve just learned to miss
And the road leads on to glory but
You’ve used up your last wish
Your last wish

Aber gib Acht! Liest man das, könnte man auf die Idee verfallen, es gäbe einen Ausweg. Wenn wir nur vorsichtig genug sind. Das aber geht fehl. Die drei Wünsche, die uns gewährt werden (oder wie viele es immer auch seien), gewährt von einem Zauberer oder (eher wohl) von einer Zauberin, diese Wünsche sind immer schon aufgebraucht. So scheint es jedenfalls. Wir brauchen sie auf, in unserer Kindheit, unserer Jugend, für Nichtigkeiten. Hinterher wissen wir natürlich, wofür wir sie hätten aufsparen sollen. Und manche tun das auch. Sie sterben mit ihren Wünschen wohlverwahrt. Ohne auch nur einen einzigen davon eingelöst zu haben. Allein, das Ergebnis bleibt sich allemal gleich. Auch sie wissen erst hinterher, wofür sie ihre Wünsche hätten einsetzen sollen.

In der Grammatik heisst das treffend Irrealis.

Die Geschwister Liebe und Leid

Wir hatten eben über die Gleichgültigkeit des Meeres und das Nebenher des Leides gesprochen und dabei behauptet, dass die Liebe in einem notwendigen Bezug zum Leid stehe, dass die beiden Zwillingsschwestern seien. Ich will das kurz ausführen.

Vorweg nochmals: Nein, das ist nicht darin begründet, dass Liebe zwingend unglücklich sein muss, sie immer Leid bereiten müsste, auch wenn sie es häufig tut. Es geht viel tiefer. Wie nämlich könntest Du wissen, dass es Liebe ist, nicht nur Zuneigung, Wohlwollen, Sympathie oder gar blosser Zeitvertreib und Vergnügen? Woran vermöchtest Du das zu erkennen? Natürlich an der Totalität, ihrem allumfassenden, alles durchdringenden Charakter, nicht? Einverstanden.

Was aber bedeutet das? Fühlst Du Dich nicht unvollständig ohne die Geliebte. Fehlt sie Dir nicht? Jede Sekunde? Obwohl sie in Dir ist, in jeder Faser, jedem Gedanken? Musst Du Dich nicht zusammenreissen, um sie nicht zu erdrücken? Sorgst Du Dich nicht um sie? Und weisst Du nicht, dass Deine Sorge bei Dir bleiben muss, weil jedes Wesen Fehler machen darf und muss. Weil es nichts zu beschützen gibt, nur zu helfen. Und auch dies nur, wenn Du gerufen wirst. Meist ist dieser Ruf stumm. Höchstens die Augen stöhnen, so laut sie eben können. Auch dies indes nur, solange wir noch an die Liebe glauben und hoffen (danach tragen selbst die Augen eine Rüstung). Totalität also ist selbst schmerzhaft. Natürlich.

Noch deutlicher aber wird die Verwandtschaft von Liebe und Leid dort, wo man Dich leiden macht, Dir weh tut. Wohlwollen, Sympathie, Zeitvertreib, Vergnügen verschwinden dann schnell. Nicht so die Liebe. Erträgst Du, dass Dich die Geliebte leiden macht? Natürlich. Mindert es Deine Liebe? Natürlich nicht. Im Gegenteil, Du wirst Entschuldigungen suchen (und natürlich auch finden), Du wirst eher Dir und Deiner Liebe die Schuld geben als ihr. Denn wir lieben im anderen nicht, was er ist, sondern was er sein könnte. Wir lieben seine Potentialität. Deshalb lässt die Liebe einen wachsen. Kaum etwas, was ein geliebter Mensch nicht erreichen kann, wenn wir, die ihn lieben, Kraft genug haben, nicht an ihm zu zweifeln, d.h. unserem Gefühl zu vertrauen statt unserem (stets zweifelnden und zögernden) Verstand.

Liebe ist also nicht nur unumgänglich, wenn wir dem Tod widerstehen wollen. Wir sind auch nicht angekommen, solange es nicht weh tut.

Gott liebt das Meer

Wir hatten von Scarlattis Sonate K87 gesprochen und der irritierenden Erkenntnis, dass Leiden immer nebenher geschieht. Dass überhaupt Leid existiert, dass es sich nicht verhindern und kaum lindern lässt, ist schwer erträglich.


Wenn die bestmögliche Schöpfung nur die best­mög­li­che ist und unvermeidlich Übel einschließt, warum hat Gott das Schaffen dann nicht bleiben lassen?

Odo Marquard: Entlastungen. Theodizeemotive in der neuzeitlichen Phi­lo­sophie – in: Apologie des Zufälligen. Philosophie Studien. Stuttgart: Rec­lam 1987, 17


Leid aber ist unsere einzige stabile und zuverlässig Verbindung mit der Welt, unsere einzige Gewissheit. Denn der Tod, der doch so gewiss und mächtig scheint, ist ein Schwächling, vermag nichts, aber gar nichts gegen die Liebe. (Deshalb unsere Verpflichtung zur Liebe, solange wir dem Leben nicht den Rücken kehren. Hören wir aber auf zu lieben, so sind wir bereits tot, auch wenn wir es nicht immer bemerken.) Auch ist der scheinbar so allmächtige Tod manchmal einfach nicht da, schläft oder ruht sich aus, oder ist anderweitig beschäftigt. Und in diesen seltenen und kurzen Momenten sind wir tatsächlich unsterblich. An sie erinnern wir uns ein ganzes Leben lang.

Leid aber ist immer da, lässt sich nicht besiegen, nur lindern, wenn überhaupt. Unsere einzige Alternative zum Tod ist die Liebe, in der Liebe aber ist der Schmerz zuhause. Liebe muss nicht notwendig unglücklich sein, häufig aber ist sie es, zumindest wenn sie gross ist, da sie so überhaupt nicht in unsere kleine Zwergenwelt passt. Nicht weil sie selbst unglücklich macht, sondern weil sie unsere Verletzlichkeit steigert, denn nicht nur wir selbst sind dem Schmerz zugänglich (dagegen haben wir im Verlaufe der Jahre gelernt, uns einigermassen zu wappnen), sondern auch und vor allem das Geliebte, hier aber sind wir macht- und wehrlos. Und wie viel schwerer als selbst zu leiden, ist es doch, das Geliebte leiden zu sehen (ja, ja, ich weiss: Brel. Kommt gleich). Dass aber das Leid eine Nebensache sein sollte, selbst das Leid unseres Geliebten, ist nicht wirklich zu ertragen.

liebesgedicht

gleichgültig bleibt dem meer
der fischer der darin ertrinkt
dessen frau und freunde
die unbestellten felder
wie der weizen der verdirbt
die fortan vaterlosen kinder
wie der schmerz der zurückbleibenden
ob der sterbende zu überleben sucht
sich seinem schicksal weich ergibt
oder stille tränen weint
seine dumpfe klage ebenso wie
stummes beten wuterfülltes schrei’n
ob der tod in scharfer mittagssonne
sich erhebt in neblichten morgenstunden
oder weichem abendlichte
gott liebt den sturm der stille
und das meer

Gibt es keinen Ausweg? Natürlich! Den Tod. Und die Liebe? Du hast doch gesagt, die Liebe vermag alles, sogar den Tod zu besiegen. Ist die Liebe ein Ausweg? Natürlich nicht! Liebe ist die siamesische Zwillings-Schwester des Schmerzes, sich einer zu verschliessen, heisst sich auch der anderen zu verschliessen (dazu ein anderes Mal). Wie konnte ich nur vergessen, was ich offenbar vor langer Zeit schon wusste.


Ach ja, der versprochene Hinweis: Jacques Brel, Voir un ami pleurer:

Ubique naufragium

Wir haben bereits Fred Uhlman und seine Feststellung zitiert:

Sub specie aeternitatis we all, without exception, are failures.

Eine ganz ähnliche Feststellung findet sich bei Petronius Arbiter 2000 Jahre zuvor († 66, Selbstmord) in seinem Satyricon:

Si bene calculum ponas, ubique naufragium est.

Der lateinische Volltext des Satyricon findet sich hier, lat. Text und auszugweise deutsche Übersetzung (allerdings ohne die hier interessierende Passage, die aus CXV stammt) hier.

Der Henker und sein Gebet

Was tut einer, wenn er sich in der Welt verliert? Was tut er, wenn er sich im Leben verliert? Oder in sich selbst? Oder in der Liebe? Spricht er stumm den Hirtenpsalm (Psalm 23):

Der Herr ist mein Hirte,
mir wird nichts mangeln.
ER weidet mich auf grünen Aue
und führet mich zum frischen Wasser.
ER erquicket meine Seele.
ER führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.
Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück,
denn DU bist bei mir,
dein Stecken und Stab trösten mich.
DU bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.
DU salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.
Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,
und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.

Natürlich tut er das. Doch hilft ihm das nicht wirklich. Zumindest nicht länger als das Aufsagen des Psalmes dauert. Und danach? Was tut er, wenn er in die Gaskammer eintritt? Er betet das Schma Jisrael. So wurde es jedenfalls berichtet. Doch scheint auch dies nichts anderes bewirkt zu haben als der Hirtenpsalm. Was tut einer, wenn er seinem Henker entgegentritt (das ist ja nicht selten er selbst)? Grüsst er ihn? Vielleicht. Freundlich? Möglicherweise. Immer aber stumm. Und er betet. Natürlich. Auch er. Sein hoffentlich eigenes Gebet:

gib herr
dass dieser böse traum
sein ende finden mag
bald lass die kühle nacht
auf meine lider sinken
der verbrannten stadt
gewähre das vergessen
nicht trost und keinen kuss
erlaube dieser stunde
nur einen dunklen fluss
in dem kein stern sich spiegelt und
ganz weit
den schrei der eule
die dem nahen licht zu weichen
sich erhebt zum flug

Bevor er verstummt. Endgültig:

                           I never suspected the way of truth
Was a way of silence where affectionate chat
Is but a robbers’ ambush and even good music
In shocking taste; and you, of course, never told me. (Auden)

Dann aber spannt die Seele weit ihre Flügel aus und fliegt durch stille Lande, als flöge sie nach Haus. (Eichendorff)

Regen

Ich weiss nicht genau, was ich Böses getan hätte, ausser nicht an ihn zu glauben, aber Gott muss mich hassen. Er kennt meine Aversion gegen nasskaltes Wetter sehr genau. Wer, wenn nicht er. Und dennoch lässt er es bei 10 Grad regnen. Im Juli! Und zwar hier, ausgerechnet hier bei mir! Die Welt ist doch wahrlich gross genug. Nicht in Dubai, nicht in Kinshasa oder Uagadugu, nicht in Tashkent oder im nahen Osten, wo eine Abkühlung den Gemütern vielleicht gut täte, nicht in Oslo oder Spitzbergen, Rio oder Seattle. Nein, hier muss es regnen. 

Aber darf man das Wetter überhaupt persönlich nehmen? Darf man Gott persönlich nehmen? Kann man das überhaupt? Natürlich. Man darf nicht nur, man muss es tun. Die Welt ist persönlich und konkret oder sie ist blosse Hypothese, bleibt Geschwätz. Denn wäre Gott nicht für jeden ein anderer, ein spezifischer und persönlicher, sondern für alle derselbe, wäre er eine blosse Universalie. Worin würde er sich dann vom Leben oder vom Tod unterscheiden, vom Tag oder der Nacht, von der Wahrheit oder der Liebe? Von Licht und Luft, Erde und Wasser. All diese Konzepte können gedacht, aber nicht gelebt, nicht erlebt werden. Erlebt wird nur das Konkrete. Und worin könnte die Funktion Gottes (oder eben auch des Wetters) bestehen, wenn er (es) nicht konkret erlebbar wäre?

Verwirrung

Meine Verwirrung nimmt stetig zu. Ich weiss nicht, was ein Terrorist, und auch nicht, was ein Extremist ist. Offenbar aber reicht es aus, ein solcher “mutmasslich” zu sein, um mit Fug und Recht (dafür aber ohne Anklage oder Strafverfahren) hingerichtet zu werden.

Meine Verwirrung nimmt überhand. Ich weiss nicht einmal, was ein “Care Team” ist. Aber offenbar werden Motorradfahrer dadurch betreut, wie man liest.

Glück und Bewusstsein

Das Bewusstsein des Glücks zerstört es wahrscheinlich, reflektiert es, relativiert es, macht es angreifbar, dem Vergleich zugänglich. Wahrhaft glücklich sind wahrscheinlich nur die Naiven. Dass wir in dem Zustand waren, ist uns immer erst hinterher zugänglich. Das Paradies ist immer verloren, von Anbeginn an. Das biblische Bild vom Baum der Erkenntnis ist schon sehr treffend. Umgekehrt scheint mir, und das ist einigermassen verstörend, dass unser Unglück durch die Tatsache, dass wir darum wissen, noch vergrössert wird. Sinn ergibt das nur, wenn Bewusstsein selbst eine Ursache des Unglücks ist. Und möglicherweise ist genau dies der Fall – und wohl auch der tiefere Grund, weshalb wir so ein so starkes Bedürfnis haben, uns zu betäuben, uns zu verlieren. Vielleicht ist Bewusstsein ein paradoxes Phänomen: höchstes Ziel und Vollendung wäre die eigene Selbstaufhebung.

Und darin, übrigens, entspricht es der Liebe. Merkwürdigerweise.
Aber das macht es nicht verständlicher.

Vor dem Gesetz

Vielleicht ist es nicht ganz überflüssig, für die Frage der Abstraktion, die wir hier verschiedentlich diskutiert haben, auf eine ganz kleine Geschichte von Franz Kafka hinzuweisen, “Vor dem Gesetz“, erschienen 1914. Nachfolgend der Volltext:

Vor dem Gesetz steht ein Türhüter. Zu diesem Türhüter kommt ein Mann vom Lande und bittet um Eintritt in das Gesetz. Aber der Türhüter sagt, daß er ihm jetzt den Eintritt nicht gewähren könne. Der Mann überlegt und fragt dann, ob er also später werde eintreten dürfen. „Es ist möglich,“ sagt der Türhüter, „jetzt aber nicht.“ Da das Tor zum Gesetz offen steht wie immer und der Türhüter beiseite tritt, bückt sich der Mann, um durch das Tor in das Innere zu sehen. Als der Türhüter das merkt, lacht er und sagt: „Wenn es dich so lockt, versuche es doch trotz meines Verbotes hineinzugehen. Merke aber: Ich bin mächtig. Und ich bin nur der unterste Türhüter. Von Saal zu Saal stehen aber Türhüter, einer mächtiger als der andere. Schon den Anblick des Dritten kann nicht einmal ich mehr ertragen.“ Solche Schwierigkeiten hat der Mann vom Lande nicht erwartet; das Gesetz soll doch jedem und immer zugänglich sein, denkt er, aber als er jetzt den Türhüter in seinem Pelzmantel genauer ansieht, seine große Spitznase, den langen, dünnen, schwarzen tartarischen Bart, entschließt er sich doch lieber zu warten, bis er die Erlaubnis zum Eintritt bekommt. Der Türhüter gibt ihm einen Schemel und läßt ihn seitwärts von der Tür sich niedersetzen. Dort sitzt er Tage und Jahre. Er macht viele Versuche eingelassen zu werden und ermüdet den Türhüter durch seine Bitten. Der Türhüter stellt öfters kleine Verhöre mit ihm an, fragt ihn über seine Heimat aus und nach vielem andern, es sind aber teilnahmslose Fragen, wie sie große Herren stellen, und zum Schlusse sagt er ihm immer wieder, daß er ihn noch nicht einlassen könne. Der Mann, der sich für seine Reise mit vielem ausgerüstet hat, verwendet alles, und sei es noch so wertvoll, um den Türhüter zu bestechen. Dieser nimmt zwar alles an, aber sagt dabei: „Ich nehme es nur an, damit du nicht glaubst, etwas versäumt zu haben.“ Während der vielen Jahre beobachtet der Mann den Türhüter fast ununterbrochen. Er vergißt die andern Türhüter und dieser erste scheint ihm das einzige Hindernis für den Eintritt in das Gesetz. Er verflucht den unglücklichen Zufall, in den ersten Jahren rücksichtslos und laut, später als er alt wird, brummt er nur noch vor sich hin. Er wird kindisch und da er in dem jahrelangen Studium des Türhüters auch die Flöhe in seinem Pelzkragen erkannt hat, bittet er auch die Flöhe ihm zu helfen und den Türhüter umzustimmen. Schließlich wird sein Augenlicht schwach und er weiß nicht, ob es um ihn wirklich dunkler wird oder ob ihn nur seine Augen täuschen. Wohl aber erkennt er jetzt im Dunkel einen Glanz, der unverlöschlich aus der Türe des Gesetzes bricht. Nun lebt er nicht mehr lange. Vor seinem Tode sammeln sich in seinem Kopfe alle Erfahrungen der ganzen Zeit zu einer Frage, die er bisher an den Türhüter noch nicht gestellt hat. Er winkt ihm zu, da er seinen erstarrenden Körper nicht mehr aufrichten kann. Der Türhüter muß sich tief zu ihm hinunterneigen, denn der Größenunterschied hat sich sehr zu ungunsten des Mannes verändert. „Was willst du denn jetzt noch wissen?“ fragt der Türhüter, „du bist unersättlich.“ „Alle streben doch nach dem Gesetz,“ sagt der Mann, „wieso kommt es, daß in den vielen Jahren niemand außer mir Einlaß verlangt hat?“ Der Türhüter erkennt, daß der Mann schon an seinem Ende ist und, um sein vergehendes Gehör noch zu erreichen, brüllt er ihn an: „Hier konnte niemand sonst Einlaß erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schließe ihn.“

Ist das nicht das eigentliche Problem auf den Punkt gebracht?

MOEH!

Die bevorstehenden Festtage sind auch eine schöne Gelegenheit, sein trautes Heim zu verschönern. Für Freunde von Buchstaben heuer auch im Angebot: Ein Set mit vier Buchstaben zum Aufstellen. In alphabetical order: E, H, M, O. Es gibt auch ein Set A, M, S, X. Da die beiden Sets farblich nicht zusammenpassen, steht jeweils nur eine sehr begrenzte Anzahl an Worten zur Verfügung. Aber wer hatte nicht schon immer insgeheim den Wunsch, mit dem Terminus “MOEH” auf Kommode oder Kaminsims etwas vorweihnachtliche Stimmung in seine gute Stube zu holen.

moeh

Neugierige Blicke

Wem ist das nicht auch schon so ergangen: Da sitzen Sie gemütlich mit Ihrem Rollköfferchen mit rosa Bändchen dran im Terminal 4 des Flughafens Madrid Barajas und denken: Wie könnte ich mich jetzt bloss vor allzu neugierigen Blicken schützen? Ein Versandhändler, der “Products with a story” anbietet, hat die Lösung:

Ostrich

Hierzu sei nur diese kleine Bemerkung erlaubt: Die Vorstellung, dass man unsichtbar sei, nur weil man selber nichts sehen könne, erscheint als eine sehr tröstliche Vorstellung. Wie viele tröstliche Vorstellungen ist sie aber wohl falsch.