Category: Das Buch

Déjeuner du matin

Il a mis le café
Dans la tasse
Il a mis le lait
Dans la tasse de café
Il a mis le sucre
Dans le café au lait
Avec la petite cuillère
Il a tourné
Il a bu le café au lait
Et il a reposé la tasse
Sans me parler
Il a allumé
Une cigarette
Il a fait des ronds
Avec la fumée
Il a mis les cendres
Dans le cendrier
Sans me parler
Sans me regarder
Il s’est levé
Il a mis
Son chapeau sur sa tête
Il a mis
Son manteau de pluie
Parce qu’il pleuvait
Et il est parti
Sous la pluie
Sans une parole
Sans me regarder
Et moi j’ai pris
Ma tête dans ma main
Et j’ai pleuré.

Jacques Prévert, Paroles, 1945

Spiele spielen

They are playing a game. They are playing at not
playing a game. If I show them I see they are, I
shall break the rules and they will punish me.
I must play their game, of not seeing I see the game.

R. D. Laing, Knots, London 1970

Messbarkeit, Berechenbarkeit und Mathematik

Jean François Billeter, ein basler Sinologe, schreibt in seinem letzten Buch “Esquisses” über Sprache, Sinn, Systeme und Kapitalismus.

Einige Zeilen des Buches betreffen die Messbarkeit, Berechenbarkeit und Mathematik. Seine Analyse ist scharfblickend:

Un nouveau processus s’est enclenché au début de l’âge moderne en Italie. Les marchands se sont mis à appliquer à leurs marchandises la science de la géométrie et d l’algèbre. Cette pratique a mené à l’idée que toute la réalité matérielle pouvait être mesurée et représentée par des figures et des nombres. Cette idée a provoqué un essor sans précédent des sciences de la nature et des arts mécaniques. La réalité semblait devenir totalement intelligible, mais c’était au prix d’une nouvelle scission au sein de l’activité humaine, car le langage mathématique relève exclusivement de la fonction. Il ignore les synthèses imaginaires qui donnent leur sens aux mots et qui naissent en nous par intégration d’éléments de notre expérience. Il exclut l’imagination, seule créatrice de sens, mais s’est imposé comme une rationalité supérieure à cause de sa rigueur, de ses développements infinis et de son efficacité pratique.

(Jean François Billeter, Esquisses, Allia,  Paris 2016)

Unsere Zeit

Erschreckend, nicht wahr, mit welcher Präzision bereits 1930 unsere gegenwärtige Situation beschrieben wird.

Nun, das ist ja alles natürlich ganz unwichtig, zumal in so ernsten Zeiten, da ringsum ein Scharren ist, als würden Stühle gerückt zur Tagung des Jüngsten Gerichts, da die Börse bebt, donnernd die Tresors und Hirne platzen und man sieht, dass nichts drinnen ist, die Gewissheiten Fragezeichen ausspeien und eine ungeheure Lebens-Angst alle Atmenden schüttelt.

Alfred Polgar: An den Rand geschrieben, Berlin 1930, 151.

Plagiat und Stil

Nach einer Publikation von Anton Kuh im Berliner »Querschnitt” schrieb Egon Friedell an Kuh:

(Wien, 1931)

Sehr geehrter Herr!

Überrascht stelle ich fest, dass Sie meine bescheidene Erzählung „Kaiser Josef und die Prostituierte” unverändert, nur mit Hinzufügung der drei Worte „Von Anton Kuh”, im „Querschnitt” veröffentlicht haben. Es ehrt mich selbstverständlich, dass Ihre Wahl auf meine kleine launige Geschichte gefallen ist, da Ihnen doch die gesamte Weltliteratur seit Homer zur Verfügung gestanden hat. Ich hätte mich deshalb auch gern revanchiert, aber nach Durchsicht Ihres ganzen Oeuvres fand ich nichts, worunter ich meinen Namen setzen möchte.

Egon Friedell

zu  finden in : Egon Friedell: Briefe,  Wien: Prachner  o.J. [1959]

Spute Dich! Das Leben vergeht rasend schnell

Das nächste Dorf

Mein Großvater pflegte zu sagen: „Das Leben ist erstaunlich kurz. Jetzt in der Erinnerung drängt es sich mir so zusammen, daß ich zum Beispiel kaum begreife, wie ein junger Mensch sich entschließen kann ins nächste Dorf zu reiten, ohne zu fürchten, daß — von unglücklichen Zufällen ganz abgesehen — schon die Zeit des gewöhnlichen, glücklich ablaufenden Lebens für einen solchen Ritt bei weitem nicht hinreicht.“

Franz Kafka. Aus: Ein Landarzt, Leipzig 1919

Warum Touristen Auschwitz wie den Eiffelturm besuchen

Es ist nicht so lange her, vielleicht erinnern Sie sich noch. Vor etwa drei Jahren habe ich an dieser Stelle über eine Postkarte aus Auschwitz berichtet.

Damals war Ironie der einzige Weg, meine Empörung auszudrücken. Wie können Touristen Auschwitz in genau derselben Art und Weise besuchen wie den Eiffelturm? Wie kann man in Birkenau sorg- und schamlos in der Sonne liegen?

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Eine mögliche Antwort findet man im Buch Wir Eichmannsöhne: offener Brief an Klaus Eichmann von Günther Anders:

“Was hat das ‘Monströse’ möglich gemacht? […] Wie und wodurch kann es da zum ‘Monströsen’ kommen?

Antwort: dadurch, dass unsere Welt, obwohl von uns selbst erfunden und errichtet, durch den Triumph der Technik so ungeheuer geworden ist, dass sie aufgehört hat, in einem psychologisch verifizierbaren Sinne wirklich noch ‘unsere’ zu sein. Dass sie uns ‘zuviel’ geworden ist. Und was heisst das wieder?

Erst einmal, dass dasjenige, was wir nun machen können (und was wir deshalb wirklich machen) grösser ist als dasjenige, wovon wir uns ein Bild machen können ; dass sich zwischen unserer Fähigkeit der Herstellung und der der Vorstellung eine Kluft aufgetan hat, und dass sich diese von Tag zu Tag verbreitert ; dass unsere Kapazität der Herstellung, da der Steigerung der technischen Leistungen keine Grenze gesetzt, masslos, die unser Vorstellung von Natur aus beschränkt ist. Einfacher ausgedrückt: dass die Objekte, die wir heute mit Hilfe unserer uneindämmbaren Technik zu erzeugen gewohnt sind, und die Wirkungen, die wir auszulösen imstande sind, nun so gross und so brisant sind, dass wir sie nicht mehr auffassen, geschweige denn als unsere eigenen identifizieren können. – Und natürlich ist es nicht nur die übermässige Grösse unserer Leistungen, die unsere Vorstellungskraft überfordert, sondern auch die grenzenlose Vermittlung unserer Arbeitsprozesse. Sobald wir dazu angestellt werden, einen der zahllosen Einzelhandgriffe, aus denen sich der Produktionsprozess zusammensetzt, durchzuführen, dann verlieren wir nicht nur das Interesse am Mechanismus als ganzem und an dessen Letzteffekten, vielmehr sind wir dann auch der Fähigkeit beraubt, uns davon ein Bild zu machen. Ist ein maximaler Grad von Inndirektheit überschritten – und in der heutigen industriellen geschäftlichen und administrativen Arbeit ist das der Normalfall – dann versagen wir, nein, dann wissen wir noch nicht einmal, dass wir versagen, dass es unsere Aufgabe wäre, uns vorzustellen, was wir tun.”

Günther ANDERS, Wir Eichmannsöhne : offener Brief an Klaus Eichmann,  3. Aufl. , C.H. Beck, München 2002 (1964), S. 24 f.

Die Kluft von der Anders spricht, hat nicht nur einen Völkermord vor mehr als 50 Jahren erlaubt, sondern existiert auch heute noch.

Man kann sie überall beobachten, wenn man gut genug hinschaut. Sie nimmt unerwartete Formen an, bleibt aber bestehen und verbreitet sich allmählich.

Sei es Technik, Abstraktion, Medialität oder Indirektheit, wir verlieren unsere Einsicht, wir erkennen unsere Realität nicht mehr.

Was damals in Auschwitz passiert ist, übersteigt unsere Vorstellungskraft. Vor dieser Kluft aber soll man sich aber nicht hinlegen und aufgeben, sondern hinschauen und immer wieder versuchen, zu verstehen.

Prognosen

Lakai: Es ist wahrlich nicht richtig, dass der gnädige Herr nicht auf die Gesundheit des gnädigen Herrn achtet.

Turai: Ich? Auf meine Gesundheit?

Lakai: Ja. Im Aschenbecher in der Bibliothek fand ich wenigstens fünfzig Zigarettenstummel.

Turai: Das stimmt nicht. Es waren genau siebenunddreissig.

Lakai: Auch das sind viele.

Turai: Und wie viele rauchen Sie?

Lakai: Fünfzehn.

Turai: Sie werden lange leben.

Lakai: Danke, Herr Professor.

Turai: Ich bin kein Professor.

Lakai: Nur, weil Sie sagen, ich werde lange leben…

Turai: Das wünsche ich Ihnen nur, mein Lieber.

Lakai: Danke, gnädiger Herr. Ich möchte weinen, gnädiger Herr.

Turai: Warum?

Lakai: In der heutigen, eigensüchtigen Welt ein solch goldiger Mensch wie der gnädige Herr. Wie Sie alles interessiert!

F.  Molnar, Spiel im Schloss

Das Gewissen der Monster

In the world’s younger days, when magic and religion held sway, it was plausible that monsters might have consciences. Not any more. The world had moved on, become more scientific, more practical, less under the sway of the old superstitions. And tyrants had moved on as well. Perhaps conscience no longer had an evolutionary function, and so had been bred out.

Julian Barnes: The Noise of Time, London 2016, 164

Erfahrung

In jungen Jahren teilt sich die Welt, grob gesprochen, in Menschen, die schon Sex hatten, und solche, die noch keinen hatten. Später dann in Menschen, die Liebe erlebt haben, und solche, die das noch nicht haben. Noch später – jedenfalls dann, wenn wir Glück haben (oder auch nicht) – teilt sich die Welt in Menschen, die Leid erfahren haben, und solche, die das nicht haben. Diese Einteilungen sind absolut; es sind Wendekreise, die wir überschreiten.

Julian Barnes, Lebensstufen (orig. Levels of Life), Kiepenheuer & Witsch, 2013

Liebe als Leid

Jede Liebesgeschichte ist eine potenzielle Leidensgeschichte. Wenn nicht gleich, dann später. Wenn nicht für den einen, dann für den anderen. Manchmal auch für beide.

Julian Barnes, Lebensstufen (orig. Levels of Life), Kiepenheuer & Witsch, 2013

Des Herzens Kern

Wenn das Herz bricht, dachte er, dann reisst es wie Holz durch das ganze Brett. In seinen ersten Tagen im Sägewerk hatte er gesehen, wie Gustaf Olsson einen massiven Holzklotz nahm, einen Keil hineintrieb und den Keil leicht drehte. Der Klotz brach im Kern von oben bis unten. Mehr braucht man über das Herz nicht zu wissen: nur wo der Kern lag. Dann konnte man es mit einer Drehung, einer Geste, einem Wort zerstören.

Julian Barnes, Die Geschichte von Mats Israelson, in: Der Zitronentisch, Kiepenheuer & Witsch, 2005

Wahrheit und Lüge

Er sah sie an. Er wusste nicht, was er tun oder sagen sollte. Er wollte ihr keine Fragen stellen, damit sie ihm keine Lügen erzählte. Oder damit sie ihm nicht die Wahrheit sagte. Er hatte vor beidem gleichermassen Angst.

Julian Barnes, Die Geschichte von Mats Israelson, in: Der Zitronentisch, Kiepenheuer & Witsch, 2005

Das Ausmass des Schmerzes

Ein anderer Freund starb plötzlich, entsetzlich, am Gepäckband eines ausländischen Flughafens. Seine Frau war einen Kofferkuli holen gegangen; als sie zurückkam, stand eine Menschentraube um etwas herum. Vielleicht war ein Koffer aufgeplatzt. Aber nein, ihr Mann war aufgeplatzt und bereits tot. Ein, zwei Jahre später, als meine Frau starb, schrieb sie mir: »Der Punkt ist – die Natur ist da sehr genau. Es tut exakt so weh, wie es die Sache verdient, darum genießt man den Schmerz gewissermaßen, glaube ich. Wenn es einem nichts ausmachte, würde es einem nichts ausmachen.

Julian Barnes, Lebensstufen (orig. Levels of Life), Kiepenheuer & Witsch, 2013