Gleichgeschlechtliche (?) Paare

Ob sich binational.ch tatsächlich überlegt hat, dass die zur Illustration der eingetragenen Partnerschaft ausgewählte Photographie irreführen könnte?

Zumindest wenn die Person, die wie eine Frau aussieht kein Mann ist oder diejenige, die wie ein Mann aussieht, keine Frau ist.

Unselig die weinen

Es braucht nur wenig, eine Veränderung des Lichts, eine Wolke, den Anflug einer Melodie, ein strampelndes Insekt, einen Satz, eine Bemerkung oder einen Blick, und ich kämpfe mit den Tränen. Ein längst vergangener Moment ist wieder da, ein Gesicht, ein Blick, gleich Prousts Madeleine. Und dann zieht eines ein anderes mit sich. Und die Welt verschwimmt, versinkt in einem Nebel.

Ist das Traurigkeit? Ist es Depression? Ist es normal, will sagen: häufig? Geht es anderen auch so, dass nicht zu weinen, eine erhebliche Anstrengung verlangt? Eine Anstrengung, die aus Pflichtgefühl erbracht wird, wegen der Pflicht, glücklich zu sein. Und aus Scham. Oder ist es Verachtung?

4. Unselig der weint, denn er hat bereits die elende Gewohnheit des Weinens.
(J. L. Borges, Fragmente eines apokryphen Evangeliums)

Ist Traurigkeit, was die Physik «stabiles Gleichgewicht» nennt? Huxley schreibt einmal, dass sich das Böse von ganz alleine verwirkliche, ohne unser Zutun, alleine deshalb, weil wir es zulassen, während das Gute stets einen Einsatz von uns verlangt, stets bedingt, dass wir dafür kämpfen. Ist dies auf kollektiver Ebene dasselbe, das stabile Gleichgewicht? Ist es dies, was Friedrich Dürrenmatt (Die Physiker) meint, wenn er sagt, dass eine Geschichte erst zuende gedacht ist, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat?

Sollbruchstellen

Dass etwas in mir beschädigt ist, Risse hat, gebrochen ist, wird mir stets klar, wenn mich ein nachdenkliches oder trauriges Stück Musik (wie z.B. Sergey Akhunovs Psalm für Streichquartett) sofort zum Weinen bringt, selbst wenn ich an einem wunderschönen Morgen ausgeruht und fröhlich aufgestanden bin. Es ist, als ob die Musik direkt an Wunden rührt, von denen ich nur weiss, weil sie bei der Berührung zu schmerzen beginnen. Ohne diese Berührungen weiss ich nicht von ihrer Existenz, sind sie also nicht da.

Jeremy Bentham, ein furchtbarer englischer Jurist, und das Panoptikum

Wer weiß schon, was 
ein 
Panoptikum ist? Man braucht nur das Stichwort in die Suchmaske eingeben, schon wird man in die Irre geführt und auf einen Engländer namens Jeremy Bentham verwiesen. Das war ein furchtbarer englischer Jurist, der sich in seiner Freizeit ein ideales Gefängnis ausgedacht hat. Ein einziger Aufseher, der im 
Dunkeln sass, sollte möglichst viele Häftlinge überwachen. Solche Anstalten sind dann tatsächlich erbaut
 worden. Bald entdeckten scharf kalkulierende Unternehmer, dass diese ominöse Erfindung auch zur kostengünstigen und effizienten Organisation einer Fabrik dienen konnte.

Hans Magnus Enzensberger, Panoptikum. Zwanzig Zehn-Minuten-Essays, Berlin: Suhrkamp2012, 8

Bilder aus Konzentrationslagern

M. müsste lügen, wenn er behaupten wollte, dass er Mitleid mit den Opfern empfunden hätte; es ist schlimmer gewesen. Ihr Anblick habe ihn gewürgt. Dieses Gefühl erfasste den ganzen Körper, unwillkürlich und ohne Besinnung. Vor Ekel konnte er tagelang nichts mehr essen, und ganz hat ihn dieser Ekel nicht mehr verlassen.

Eine solche vormoralische Reaktion ist stärker als das vage Schuldgefühl, das man empfindet, weil man in eine Gesellschaft von Mördern hineingeboren wurde. Der Ekel ist eine asoziale Empfindung, frei von jeder nationalen oder intelligiblen Bestimmung; er schliesst den mit ein. Den er überwältigt, einfach deshalb, weil er derselben Spezies angehört.

Die Folgen dieses Schocks hielten lange an. M. konnte damals keinen Arzt mehr aufsuchen, ohne sich Gewissheit über sein Vorleben verschafft zu haben. Ebenso begegnete er jedem Richter, jedem Polizeibeamten und jedem Professor, der einer bestimmten Altersgruppe angehörte, mit einem chronischen Misstrauen. Dieser Argwohn erwies sich, wie nicht anders zu erwarten, in vielen Fällen als begründet. Je weiter er aber seine Nachforschungen trieb, je mehr Bücher er las und sich in Dokumentationen vertiefte, desto mehr drohte die Vergangenheit ihm zur Obsession zu werden. Erst nach geraumer Zeit ist ihm aufgegangen, dass er ganz ohne eigenes Zutun, auf nichts als auf glückliche Zufälle gestützt, immerzu auf die bessere, die richtige Seite geraten war. Zur Tatzeit war er einfach nicht alt genug, um in das Verbrechen verwickelt zu sein.

H. M. Enzensberger, Eine Handvoll Anekdoten, auch Opus incertum, Berlin 2018, 160 f.

Lehrer

Die Lernerfolge solcher Pädagogen ließen viel zu wünschen übrig. Aber die sogenannte Bildung ist ja nie der Hauptzweck der Schule gewesen. Das zeigt sich schon daran, dass der Lehrkörner bis heute drei oder vier Jahre damit zubringt, den Kindern Lesen und Schreiben, Addieren und Multiplizieren beizubringen. Fertigkeiten, die sich jedes normale Kind mühelos innerhalb von sechs Wochen aneignen kann. Der lange Zwangsaufenthalt in der Schule dient vielmehr dazu, die Grundregeln der Politik einzuüben, das Erproben von Machtverhältnissen, Intrigen, wechselnden Bündnissen, Kriegslisten und Kompromissen.

In diesem Zusammenhang nimmt das Wort Klassenkampf eine ganz andere Bedeutung an. Die mit ernster Miene ausgetragenen Auseinandersetzungen der Berufspolitiker erinnern jeden Aussenstehenden, der ein gutes Gedächtnis hat, an die Jahre, die er im Kindergarten oder in der Elementarschule zubrachte.

Insofern verfehlt die Kritik an den Lehrern den Kern der Sache. Die meisten dieser überforderten und bedauernswerten Leute ahnten ja kaum etwas von der Gruppendynamik unter den ihnen Anvertrauten, also von den entscheidenden Motiven der Sozialisation. Mit der Vermittlung ihrer bescheidenen Lehrstoffe beschäftigt und in chronischer Überschätzung ihrer Pädagogik wussten sie ebensowenig wie die Eltern von den grausamen und subtilen Prozessen, die sich Tag für Tag unter ihren Augen abspielten, und diese berufsbedingte Blindheit verlieh ihnen eine Art Unschuld, die selbst den übelsten unter ihnen kaum abzusprechen
 war.

H. M. Enzensberger, EIne Handvoll Anekdoten, auch Opus incertum, Berlin 2018, 124 f.