Über das Weinen

Filifjonka hat hier schon verschiedentlich über das Weinen geschrieben (etwa hier, oder hier, aber auch hier). Ich will all dem überhaupt nicht widersprechen, ich will aber danach fragen, warum denn Weinen kein gangbarer Weg, keine akzeptable Antwort sei, denn auf den ersten Blick scheint ja das Weinen an sich doch positiv, eine ehrliche Gefühlsäusserung, und zudem eine, in der sich der Weinende schwach und verletzlich zeigt, also ein Akt besonderen Vertrauens zu denjenigen, vor denen er weint, und damit auch besonderer Stärke. Nicht selten ist denn auch die Schwierigkeit, das Weinen zuzulassen, als Verkrüppelung gezeichnet worden, als Unfähigkeit, Schwäche zuzulassen. Das mag richtig sein, doch trifft es nicht das Richtige, das Wichtige. Borges hat natürlich – wie so häufig – völlig recht mit seiner Ablehnung des Weinens, des Weinenden, das spürst Du instinktiv, auch wenn es Dich verletzen mag. Die Gründe dafür sind nur schwer auszumachen oder zu umschreiben, aber vielleicht hilft ein Bild: Wenn wir über eine schmerzhafte Erfahrung sprechen, dann kann es passieren, dass uns dabei die Stimme versagt. Und dies ist, was gegen das Weinen spricht: Es schliesst uns ein in unseren Tränen. Es macht uns noch einsamer als wir es ohnehin schon sind. Tränen scheinen uns zu verbinden mit der Welt, mit den anderen, aber sie trennen uns von ihnen. Tränen sind nicht Schleier, hinter denen wir uns verstecken, die uns sanft und fürsorglich schützen, sondern Mauern, Mauern, die uns einschliessen in uns selbst und unserem Schmerz.

Gleichgeschlechtliche (?) Paare

Ob sich binational.ch tatsächlich überlegt hat, dass die zur Illustration der eingetragenen Partnerschaft ausgewählte Photographie irreführen könnte?

Zumindest wenn die Person, die wie eine Frau aussieht kein Mann ist oder diejenige, die wie ein Mann aussieht, keine Frau ist.

Unselig die weinen

Es braucht nur wenig, eine Veränderung des Lichts, eine Wolke, den Anflug einer Melodie, ein strampelndes Insekt, einen Satz, eine Bemerkung oder einen Blick, und ich kämpfe mit den Tränen. Ein längst vergangener Moment ist wieder da, ein Gesicht, ein Blick, gleich Prousts Madeleine. Und dann zieht eines ein anderes mit sich. Und die Welt verschwimmt, versinkt in einem Nebel.

Ist das Traurigkeit? Ist es Depression? Ist es normal, will sagen: häufig? Geht es anderen auch so, dass nicht zu weinen, eine erhebliche Anstrengung verlangt? Eine Anstrengung, die aus Pflichtgefühl erbracht wird, wegen der Pflicht, glücklich zu sein. Und aus Scham. Oder ist es Verachtung?

4. Unselig der weint, denn er hat bereits die elende Gewohnheit des Weinens.
(J. L. Borges, Fragmente eines apokryphen Evangeliums)

Ist Traurigkeit, was die Physik «stabiles Gleichgewicht» nennt? Huxley schreibt einmal, dass sich das Böse von ganz alleine verwirkliche, ohne unser Zutun, alleine deshalb, weil wir es zulassen, während das Gute stets einen Einsatz von uns verlangt, stets bedingt, dass wir dafür kämpfen. Ist dies auf kollektiver Ebene dasselbe, das stabile Gleichgewicht? Ist es dies, was Friedrich Dürrenmatt (Die Physiker) meint, wenn er sagt, dass eine Geschichte erst zuende gedacht ist, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat?

Sollbruchstellen

Dass etwas in mir beschädigt ist, Risse hat, gebrochen ist, wird mir stets klar, wenn mich ein nachdenkliches oder trauriges Stück Musik (wie z.B. Sergey Akhunovs Psalm für Streichquartett) sofort zum Weinen bringt, selbst wenn ich an einem wunderschönen Morgen ausgeruht und fröhlich aufgestanden bin. Es ist, als ob die Musik direkt an Wunden rührt, von denen ich nur weiss, weil sie bei der Berührung zu schmerzen beginnen. Ohne diese Berührungen weiss ich nicht von ihrer Existenz, sind sie also nicht da.

Jeremy Bentham, ein furchtbarer englischer Jurist, und das Panoptikum

Wer weiß schon, was 
ein 
Panoptikum ist? Man braucht nur das Stichwort in die Suchmaske eingeben, schon wird man in die Irre geführt und auf einen Engländer namens Jeremy Bentham verwiesen. Das war ein furchtbarer englischer Jurist, der sich in seiner Freizeit ein ideales Gefängnis ausgedacht hat. Ein einziger Aufseher, der im 
Dunkeln sass, sollte möglichst viele Häftlinge überwachen. Solche Anstalten sind dann tatsächlich erbaut
 worden. Bald entdeckten scharf kalkulierende Unternehmer, dass diese ominöse Erfindung auch zur kostengünstigen und effizienten Organisation einer Fabrik dienen konnte.

Hans Magnus Enzensberger, Panoptikum. Zwanzig Zehn-Minuten-Essays, Berlin: Suhrkamp2012, 8

Bilder aus Konzentrationslagern

M. müsste lügen, wenn er behaupten wollte, dass er Mitleid mit den Opfern empfunden hätte; es ist schlimmer gewesen. Ihr Anblick habe ihn gewürgt. Dieses Gefühl erfasste den ganzen Körper, unwillkürlich und ohne Besinnung. Vor Ekel konnte er tagelang nichts mehr essen, und ganz hat ihn dieser Ekel nicht mehr verlassen.

Eine solche vormoralische Reaktion ist stärker als das vage Schuldgefühl, das man empfindet, weil man in eine Gesellschaft von Mördern hineingeboren wurde. Der Ekel ist eine asoziale Empfindung, frei von jeder nationalen oder intelligiblen Bestimmung; er schliesst den mit ein. Den er überwältigt, einfach deshalb, weil er derselben Spezies angehört.

Die Folgen dieses Schocks hielten lange an. M. konnte damals keinen Arzt mehr aufsuchen, ohne sich Gewissheit über sein Vorleben verschafft zu haben. Ebenso begegnete er jedem Richter, jedem Polizeibeamten und jedem Professor, der einer bestimmten Altersgruppe angehörte, mit einem chronischen Misstrauen. Dieser Argwohn erwies sich, wie nicht anders zu erwarten, in vielen Fällen als begründet. Je weiter er aber seine Nachforschungen trieb, je mehr Bücher er las und sich in Dokumentationen vertiefte, desto mehr drohte die Vergangenheit ihm zur Obsession zu werden. Erst nach geraumer Zeit ist ihm aufgegangen, dass er ganz ohne eigenes Zutun, auf nichts als auf glückliche Zufälle gestützt, immerzu auf die bessere, die richtige Seite geraten war. Zur Tatzeit war er einfach nicht alt genug, um in das Verbrechen verwickelt zu sein.

H. M. Enzensberger, Eine Handvoll Anekdoten, auch Opus incertum, Berlin 2018, 160 f.