Jeremy Bentham, ein furchtbarer englischer Jurist, und das Panoptikum

Wer weiß schon, was 
ein 
Panoptikum ist? Man braucht nur das Stichwort in die Suchmaske eingeben, schon wird man in die Irre geführt und auf einen Engländer namens Jeremy Bentham verwiesen. Das war ein furchtbarer englischer Jurist, der sich in seiner Freizeit ein ideales Gefängnis ausgedacht hat. Ein einziger Aufseher, der im 
Dunkeln sass, sollte möglichst viele Häftlinge überwachen. Solche Anstalten sind dann tatsächlich erbaut
 worden. Bald entdeckten scharf kalkulierende Unternehmer, dass diese ominöse Erfindung auch zur kostengünstigen und effizienten Organisation einer Fabrik dienen konnte.

Hans Magnus Enzensberger, Panoptikum. Zwanzig Zehn-Minuten-Essays, Berlin: Suhrkamp2012, 8

Bilder aus Konzentrationslagern

M. müsste lügen, wenn er behaupten wollte, dass er Mitleid mit den Opfern empfunden hätte; es ist schlimmer gewesen. Ihr Anblick habe ihn gewürgt. Dieses Gefühl erfasste den ganzen Körper, unwillkürlich und ohne Besinnung. Vor Ekel konnte er tagelang nichts mehr essen, und ganz hat ihn dieser Ekel nicht mehr verlassen.

Eine solche vormoralische Reaktion ist stärker als das vage Schuldgefühl, das man empfindet, weil man in eine Gesellschaft von Mördern hineingeboren wurde. Der Ekel ist eine asoziale Empfindung, frei von jeder nationalen oder intelligiblen Bestimmung; er schliesst den mit ein. Den er überwältigt, einfach deshalb, weil er derselben Spezies angehört.

Die Folgen dieses Schocks hielten lange an. M. konnte damals keinen Arzt mehr aufsuchen, ohne sich Gewissheit über sein Vorleben verschafft zu haben. Ebenso begegnete er jedem Richter, jedem Polizeibeamten und jedem Professor, der einer bestimmten Altersgruppe angehörte, mit einem chronischen Misstrauen. Dieser Argwohn erwies sich, wie nicht anders zu erwarten, in vielen Fällen als begründet. Je weiter er aber seine Nachforschungen trieb, je mehr Bücher er las und sich in Dokumentationen vertiefte, desto mehr drohte die Vergangenheit ihm zur Obsession zu werden. Erst nach geraumer Zeit ist ihm aufgegangen, dass er ganz ohne eigenes Zutun, auf nichts als auf glückliche Zufälle gestützt, immerzu auf die bessere, die richtige Seite geraten war. Zur Tatzeit war er einfach nicht alt genug, um in das Verbrechen verwickelt zu sein.

H. M. Enzensberger, Eine Handvoll Anekdoten, auch Opus incertum, Berlin 2018, 160 f.

Lehrer

Die Lernerfolge solcher Pädagogen ließen viel zu wünschen übrig. Aber die sogenannte Bildung ist ja nie der Hauptzweck der Schule gewesen. Das zeigt sich schon daran, dass der Lehrkörner bis heute drei oder vier Jahre damit zubringt, den Kindern Lesen und Schreiben, Addieren und Multiplizieren beizubringen. Fertigkeiten, die sich jedes normale Kind mühelos innerhalb von sechs Wochen aneignen kann. Der lange Zwangsaufenthalt in der Schule dient vielmehr dazu, die Grundregeln der Politik einzuüben, das Erproben von Machtverhältnissen, Intrigen, wechselnden Bündnissen, Kriegslisten und Kompromissen.

In diesem Zusammenhang nimmt das Wort Klassenkampf eine ganz andere Bedeutung an. Die mit ernster Miene ausgetragenen Auseinandersetzungen der Berufspolitiker erinnern jeden Aussenstehenden, der ein gutes Gedächtnis hat, an die Jahre, die er im Kindergarten oder in der Elementarschule zubrachte.

Insofern verfehlt die Kritik an den Lehrern den Kern der Sache. Die meisten dieser überforderten und bedauernswerten Leute ahnten ja kaum etwas von der Gruppendynamik unter den ihnen Anvertrauten, also von den entscheidenden Motiven der Sozialisation. Mit der Vermittlung ihrer bescheidenen Lehrstoffe beschäftigt und in chronischer Überschätzung ihrer Pädagogik wussten sie ebensowenig wie die Eltern von den grausamen und subtilen Prozessen, die sich Tag für Tag unter ihren Augen abspielten, und diese berufsbedingte Blindheit verlieh ihnen eine Art Unschuld, die selbst den übelsten unter ihnen kaum abzusprechen
 war.

H. M. Enzensberger, EIne Handvoll Anekdoten, auch Opus incertum, Berlin 2018, 124 f.

Not Waving but Drowning

Nobody heard him, the dead man,
But still he lay moaning:
I was much further out than you thought
And not waving but drowning.

 

Poor chap, he always loved larking
And now he’s dead
It must have been too cold for him his heart gave way,
They said.

 

Oh, no no no, it was too cold always
(Still the dead one lay moaning)
I was much too far out all my life
And not waving but drowning.

Stevie Smith

Nichts zu behüten

Der junge Mann
mit dem ich vorübergehend
die Wohnung teile –
ich sehe ihn kaum.

Nachts
kommt manchmal ein Anruf.

Diese überdrehte,
ängstliche
Stimme.

Misch Dich nicht ein,
sage ich mir.
Was auch immer geschieht:
es gibt nichts
zu behüten.

Rainer Malkowski, Was auch immer geschieht, Frankfurt 1986

Nettelbecks Prozesse

Ein phantastisches Buch mit phantastischen Berichten über Strafprozesse, und ihre Entlarvung.

In der mündlichen Urteilsbegründung reduzierte das Gericht die Tat des Eckart Mellentin auf das an ihr Feststellbare, den gemeinen Mord. Eckart Mellentin habe, um sich aus einer durchaus unangenehmen Situation zwischen zwei Frauen zu lösen, eine Frau getötet, die ihm lästig geworden sei, und ein Kind, das ihn gestört habe. Diese Tat stehe auf dem niedrigsten sittlichen Niveau. Es konnte nicht anders entscheiden. Das Strafgesetz ist nicht für einen, sondern für alle da. Nur trifft es eben immer einen Menschen, der keinem anderen gleicht, und richtet es stets über einen Fall, der ohne Beispiel ist.

Uwe Nettelback, Prozesse. Gerichtsbericht 1967-1969, Berlin 2015, 20.

Jedem, aber wirklich jedem sei das Buch empfohlen, nicht nur wegen der Berichte über die Kindermörder Jürgen Bartsch und Klaus Lehnert, oder über den Frankfurter Brandstifter-Prozess gegen Gudrun Ensslin, Andreas Baader, Thorwald Proll & Horst Söhnlein, die dannzumal noch niemand kannte, sondern wegen des wirklich aussergewöhnlichen Verständnisses dafür, was ein Strafprozess darstellt und was er mit den Beteiligten anstellt, und nicht zuletzt wegen der grossen Sprachkraft Nettelbecks, die ihresgleichen sucht.

Bedeutsames gehört uns nicht alleine

»Liebe Laura«, sagt Gaetano.

»Lieber Gaetano«, sagt Laura.

Gaetano haut Geld auf den Tisch. Viel zu viel. Nicht ein Viertel machen die Getränke aus. Nein, das ist es nicht.

»Ein Zimmer für uns zwei«, sagt er. »Das beste.«

»Es gibt keine guten«, sagt der Argentinier. Er hängt sich das Akkordeon über die Schultern und spielt diese traurige Musik. Die Finger finden die Tasten von ganz allein. Es ist ein Lied, das der Musikant selbst noch nie gehört hat.

Das ist das Paris von Signor Gaetano Bresci. Aber so etwas gehört nicht einem allein. Die Straßen der Nacht sind hell wie in Patterson der Tag. Vor allen Türen ist Licht. Die Straße reicht ins Zimmer. Das ist das Paris von Cavaliere Gaetano Bresci. Über die Treppe folgt er Donna Laura Casati. An den Schuhen klebt Sirup. Zimmer 8 ist das ihre. Laura öffnet ihr Kleid, noch ehe sie die Tür öffnet.

Michael Köhlmeier: Die Figur. Die Geschichte von Gaetano Bresci, Königsmörder,  München/Zürich: Piper 1986: 120 f.

Nochmals: Warum hast Du das getan?

»Wenn er dich schon nicht gefragt hat, ich frage uicn; warum Dist uu mit’ihm gegangen? Man verläßt nicht mit einem Fremden seine Familie, um sich lediglich eine Stadt anzusehen.«

»Wir haben uns nicht nur die Stadt angesehen. Als ich in Mailand sagte: Ich komme mit Ihnen, da dachte ich, ja, wahrscheinlich werde ich mit ihm schlafen, aber das war nicht der Grund, warum ich mitgegangen bin, es gibt keinen Grund, und am zweiten Abend in Paris hatten wir genug von der Stadt.«

Michael Köhlmeier: Die Figur. Die Geschichte von Gaetano Bresci, Königsmörder,  München/Zürich: Piper 1986: 116 f.

Warum hast Du das getan?

»In Paris muß er ja wohl gemerkt haben, daß du seinetwegen mitgefahren bist. Spätestens als ihr ein Doppelzimmer bestellt habt.«

»Warum hätten wir da noch darüber sprechen sollen«, sagte Laura. »Wenn man gemeinsam ein Zimmer nimmt, dann spielt es doch keine Rolle mehr, warum man es tut. Ich meine, dann weiß man warum.«

»Und wenn er dich gefragt hätte, warum du wirklich mit ihm gekommen bist – was hättest du dann geantwortet?«

»Es gibt keine Gründe. Was hätte er mich fragen 
sollen? Was hätte ich ihn fragen sollen?-Wir haben Bahnhof verlassen und waren in Paris. Wir waren erschöpft und verschwitzt. Er war seit Mailand nicht mehr aus seinen Kleidern gekommen, Er war unrasiert. Wir wollten uns waschen.«

Michael Köhlmeier: Die Figur. Die Geschichte von Gaetano Bresci, Königsmörder,  München/Zürich: Piper 1986: 113

Die Wahrheit ist dumm

Später erzählte sie ihrem Bruder:

»Ich habe meinem Mann einen Brief auf den Schreibtisch gelegt. Ich habe ihn nicht angelogen. Ich habe geschrieben:»Ich fahre nach Paris, wahrscheinlich komme ich wieder.«

»Da kannst du sehen, wie dumm die Wahrheit ist«, sagte ihr Bruder.

Michael Köhlmeier: Die Figur. Die Geschichte von Gaetano Bresci, Königsmörder,  München/Zürich: Piper 1986: 105

Entscheidungen

»Du hast ihn betrogen.«

»Dann muss er mir eben verzeihen.«

»Du hast ihn mit dem Mörder des Königs betrogen,« Er sagte das wie eine Zeile aus einem Gedicht. »Du hast dich in einem Augenblick dazu entschieden, aus einer Laune heraus, mit Leichtigkeit, ohne einen Gedanken. Glaub mir, nur so werden endgültige Entscheidungen getroffen. Die Begründungen dafür werden später nachgeliefert. Sie taugen nichts. Der Wille braucht keine Begründung für die Tat.«

Michael Köhlmeier: Die Figur. Die Geschichte von Gaetano Bresci, Königsmörder,  München/Zürich: Piper 1986: 103 

Geschichten und Wahrheit

Der radikal-ethische philosophische Libertin Diderot schwelgte in seinem Bedürfnis nach Geschichten, die er nach Belieben ausschmückte. Wer gut genug erzählen kann, der hat dieses Privileg, denn er weiss, das Bedürfnis nach der Geschichte ist stärker als das nach empirischen Beweisen.

Philipp Blom: Let Me Tell You a Story, Narrative Identitäten in Zeiten der Unsicherheit, Sigmund Freud Vorlesung 2018, Wien/Berlin 2018, 52 

Marcel Proust & die Lüge

Die folgende Passage aus der Recherche du temps perdu findet sich in einem kleinen, ganz wunderbaren Buch über Marcel Proust:

Proust war sich dieser Tragik, die im lebenslangen Zwang zur Lüge bestand, vollkommen bewußt. »Wenn ich nicht mehr an die Unschuld Albertines glaubte«, läßt er seinen zur Vernunft gekommenen Marcel grübeln, »so deshalb, weil ich nicht mehr das Bedürfnis,
das leidenschaftliche Verlangen danach in mir trug. Glaube entsteht aus Wünschen, und wenn wir es im allgemeinen nicht wahrnehmen, so kommt das daher, daß die meisten der glaubensstiftenden Wünsche – im Unterschied zu jenem, der mich hatte annehmen lassen, Albertine sei
 unschuldig – erst mit uns selbst enden. […] Die Lüge ist für die Menschheit ganz unabdingbar. Sie spielt bei ihr vielleicht die gleiche Rolle wie das Trachten nach Lust und wird im übrigen durch dieses Trachten bestimmt. Man lügt, um sich seine Lust zu sichern oder um seine Ehre zu schützen, falls das Bekanntwerden der Lust der Ehre entgegensteht. Man lügt sein ganzes Leben lang, auch und vor allem, vielleicht sogar einzig, den Menschen gegenüber, die einen lieben.«

Michael Maar, Proust Pharao, Berlin: Berenberg, 2. Auflage, 2009, 74 f.

Tatsächlich, «man lügt sein ganzes Leben lang, auch und vor allem, vielleicht sogar einzig, den Menschen gegenüber, die einen lieben», es braucht nicht nur Weisheit, sondern auch viel Mut, sich dies einzugestehen, da es doch – so unschuldig es klingt – die Grundbedingung unserer Existenz vollständig umreisst.

Die Lektüre dieses kleinen Büchleins über Proust hat mich – ganz gleich den berühmtesten Momenten der Recherche – unmittelbar und sofort zurückkatapultiert in die Studienzeit, als mein Berner Freund und ich parallel und auf Distanz Proust lasen und Blindschach spielten. Das Wetter war, wie jetzt auch, kalt aber nicht unangenehm, der erste Schnee hatte die Luft gereinigt und es gab nichts Bedeutenderes oder Sinnvolleres als Literatur und Lektüre. Und das Leben wartete etwas zu ungeduldig.

Die Medien und wir: Paul Bourget

Die nachstehende Photo zeigt den Schriftsteller Paul Bourget auf dem Weg zum Prozess Caillaux. Henriette Caillaux hatte am 16. März 1914 den Journalisten Gaston Calmette an dessen Arbeitsplatz im Le Figaro erschossen wegen der andauernden Pressekampagne gegen ihren späteren Mann, Finanzminister Joseph Caillaux. Im Prozess wurde sie freigesprochen. Bourget war zufälliger Zeuge des Attentates. Auf dem Weg zum Gericht versucht er, seine Identität mit einem Schirm zu schützen.

Entscheiden

Judith: Manchmal muss man sich entscheiden. Ob richtig oder falsch. Manchmal muss man sich entscheiden.

Thomas: leise und ernst Und das haben Sie.

Judith: Ja. Das haben wir.

Daniel Kehlmann: Heilige Abend, in: 4 Stücke, Hamburg 2019, 194